Herzenssache: Ratskerze

Sie ist ein Symbol, hat eine lange Tradition und sucht nun einen neuen „Wächter“: die Ratskerze. 

Beginnen wir am Anfang der Geschichte – bei der Person, die die Tradition am Leben hält:  Dorothée Prüssner - ein großartiger Mensch, meine Freundin! Aber dazu später noch einige Zeilen. 

2001 hatte sie zum ersten Mal für den Goslarer Rat kandidiert und fuhr ein Wahnsinnsergebnis ein. „Es war mir so historisch zumute“, sagt Dorothée Prüssner heute über diesen Moment. Und damit wurde die Idee der Ratskerze geboren. 

Ein kleiner Sprung zurück in der Zeit: Vor 500 Jahren saßen die Ratsmitglieder im Huldigungssaal, in der Trinitatiskapelle wurde vor und nach jeder Ratssitzung gebetet. Es war eine Tradition. Nach der Reformation zog man in die große Sitzungsdäle. Einmal im Jahr gab es einen Ratsgottesdienst. Dort wurde den Ratsmitgliedern der Ratseid vorgelesen. Seit 2001 gibt es diesen Gottesdienst nun wieder jährlich. Das war über Jahrhunderte vorbei – bis Dorothée Prüssner kam. 

„Wir haben den Gottestdienst wieder neu belebt und dazu gehörte das Anzünden der Ratskerze“, sagt sie heute. „Wir“ meint Propst Helmut Liersch und sie, damals Kirchpädagogin. Bevor sie also in ihre erste Ratssitzung ging – zu der Zeit tagte das Gremium noch im historischen Rathaus – zündete sie die Kerze in der benachbarten Marktkirche an. Nach der Sitzung ging sie zurück und pustete die Flamme aus. „Die Kerze soll immer brennen während der Ratssitzung“, ist Prüssners Wunsch. Das klappte die letzten 15 Jahre auch. Nur ein einziges Mal vergaß die CDUlerin die Kerze: Als der Rat erstmalig im Kreishaus tagte. Erst dort fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie hoffte, dass alles gut gehen würde. Die Kerze ist nämlich ein Symbol. Ein Symbol dafür, um Gottes Segen zu bitten für die Arbeit im Rat. Dorothée Prüssner handelte als Politikerin immer nach der Präambel „in Verantwortung zu Gott und den Menschen“. Der christliche Aspekt ist für ihre Arbeit wichtig, so sagt sie. „Es ist ein schönes Symbol. Das Christentum lebt von Symbolen.“ 

Dem kann ich nur zustimmen. Kommunale Selbstverwaltung wird nur im Rathaus sichtbar, und auch der Wert der Kommunalen Selbstverwaltung wird nur im Rathaus sichtbar. Deshalb brauchen wir die Ratsdiele als Sitzungsort – wie vor hunderten von Jahren - wir müssen raus aus dem Kreishaus. Wir knüpfen damit an die Historik an. Das tut uns gut. 

Passend zu dieser Symbolik mutet das Prozedere von Dorothée Prüssner beinah mystisch an. Die „Wächterin der Kerze“ tritt ihren Dienst teilweise an, wenn die Kirche schon geschlossen ist. Dann schließt sie die Tür auch wieder hinter sich ab, damit sich keine Touristen in die Marktkirche verirren und aus Versehen über Nacht eingeschlossen werden. Das Licht in der Kirche bleibt aus, nur der Schein der Straßenlaternen durch die bunten Kirchenfenster beleuchtet das Innere der Kirche – und die Ratskerze. Dabei handelt es sich nicht um irgendeine Kerze. Sie hat ihren Platz auf einem bedeutenden Wandleuchter aus Messing. Er wurde 1581 gearbeitet und trägt die Inschrift: „QVI MALE AGIT ODIT LUCEM“ – „Wer böse handelt, hasst das Licht.“ Irgendwie passend, wenn man das auf die Politik bezieht. Auch da sollte jeder seinem Gewissen unterworfen sein. 

Für mich ist Dorothée Prüssner eine Schlüsselfigur. Und schon für diesen Menschen hat es sich gelohnt, das Wagnis der Kandidatur in Goslar einzugehen.

Gemeinsam mit einigen ganz wenigen Menschen hat mich Dorothée davon überzeugt, in Goslar zu kandidieren. Und sie hat hart gearbeitet für mich im Wahlkampf 2011. Ganz sicher: Ohne sie wäre ich heute nicht Oberbürgermeister in Goslar. Mag der eine gut finden, der andere nicht - ist mir klar. 

Wahlkampf 2011 (Juli bis September) - Das war eine intensive Zeit: Alle Menschen, alles das, was ich erlebt habe, ist extrem im Gedächtnis haften geblieben. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit vor fünf Jahren zurück.

Es ist schade, es ist ein Verlust für den Rat und zum Schaden der Stadt Goslar, dass Dorothée dieses Jahr nicht mehr für den Rat kandidiert. Natürlich werden wir uns weiterhin sehen – aber außerhalb der Politik. Darauf freue ich mich!

Aber es wirft auch eine Frage auf: Wer kümmert sich künftig um die Ratskerze? An dieser Stelle sei ein Aufruf erlaubt: Dorothée Prüssner sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Wer hat Lust, die Tradition fortzuführen? Freiwillige vor!