Unsere engagierten Bürgerinnen und Bürger

Bevor ich einen Rüffel bekomme: Natürlich gibt es genauso engagierte Bürgerinnen wie Bürger, und auch wirklich viele im Stadtgebiet Goslar, aber in diesem Fall möchte ich über einen besonders beeindruckenden Herrn sprechen. 

Aber folgerichtig bezeichne ich meine Herzenssache deshalb nicht als “Herzenssache Goslar: Egbert Raabe”, sondern “Herzenssache Goslar: Unsere engagierten Bürgerinnen und Bürger!”.

Und jetzt auf zur Geschichte, zur aktuellen Herzenssache: 

Egbert Raabe schrieb mir kürzlich einen Brief und zeigte auf äußerst charmante Weise Handlungsbedarf an der Kirchenruine St. Peter auf. 

Egbert Raabe wohnt am Osterfeld und ist jeden Tag an der frischen Luft unterwegs. Er sei noch in der Lage, „altersgemäße“ Spazierwege zu machen, sagt er. 

Unter uns: Mit seinen 83 Jahren hängt Herr Raabe noch so manchen Jungspund ab. Und zum Thema Wandern kann und darf ich als Präsident des Harzklubs nun wirklich kompetent sprechen. 

Jedenfalls schreibt der rüstige Rentner in seinem handschriftlichen Brief, sein fast täglicher Weg führe ihn auf den Petersberg mit dem Klusfelsen. Nach einem Rundweg über die weitläufige Wiesenlandschaft kommt er auf seinem Rückweg stets an der Kirchenruine St. Peter vorbei und legt dort eine kurze Rast ein. Von der Ruine und den Sitzbänken, die dort stehen, hätte man einen großartigen Blick auf die Kaiserpfalz und das Breite Tor – wäre dort nicht alles zugewuchert. 

Herr Raabe hat nicht nur darauf hingewiesen, dass an der Petersbergruine sozusagen Pflegenotstand herrscht, er hat seinen Appell auch mit einem großzügigen Unterstützungsangebot verbunden. Da er aber darum bat, darüber kein großes Aufsehen zu machen, belasse ich es mal bei dieser Umschreibung. 

Ich habe mich dann mit Herrn Raabe getroffen, um gemeinsam zur Ruine zu spazieren und mir das Ganze mal anzuschauen. Ob ein Oberbürgermeister dazu Zeit hat? Ja, klar! Für jeden hat der Tag 24 h. Antwort also: Ich habe mir die Zeit genommen. 

War es mein erster Weg zur Petersbergruine und zum Klusfelsen? Nein, sicher nicht. Soweit entfernt wohne ich nun auch nicht und es ist ein wirklich schönes Ausflugsziel, insbesondere mit den Kindern. Dazu kommt: Eigentümer der Flächen und damit auch der Ruine ist der Siftsgüterfonds. Der Stiftsgüterfonds ist eine städtische Stiftung und vor vier, fünf Jahren haben wir sehr intensiv in den Stiftungsgremien darüber diskutiert, ob der Bewuchs nicht das Denkmal - die Ruine - zerstört und weiter zerstört. Wir haben eine Untersuchung gemacht und dabei erfahren, dass die aufgemauerten, sichtbaren Steine neuzeitlich sind und keinen Denkmalwert haben. Unsere Vorgänger haben also auf die Ruinen ein neues Mauerwerk gebaut, um die Grundrisse der St. Peter Kirche deutlich zu machen. In diesem Zusammenhang also, haben wir auch durch den Stiftsgüterfonds größere Rückschnttarbeiten durchführen lassen.

Aber Herr Raabe, im übrigen über viele Jahre Pfarrer in Sudmerberg, konnte mir viele weitere Informationen  geben. Er hatte sogar ein Buch dabei („Ja, stecket an in Gottes Namen!“ Zur Geschichte der im Jahre 1527 zerstörten romanischen Kirchen vor den Toren der spätmittelalterlichen Stadt Goslar) und konnte einiges zur Entstehung und Geschichte der Ruine erzählen.

Alles bekomme ich jetzt auch nicht mehr zusammen, aber die Eckdaten stehen zum Glück auch für Laien auf einem Schild an der Ruine: Ruine des Stifts der Kirche St. Petri, Säulenbasilika mit westlichem Querschiff um 1050. Turmanlage 2. Hälfte 12. Jahrhundert. Zerstört 1527. 

Zweifelsohne hat die Ruine am Klusfelsen aber nicht nur historische Bedeutung sondern ist auch ein Ort zur Erholung. Zumindest sollte er das sein. Und wir haben ja auch viele Nachbarn. Die Wohnbebauung ist erweitert worden durch die Investitionen von Unternehmer Junicke. Und zu den Seniorenwohnungen des Abendfriedens ist erst vor wenigen Jahren eine weitere, neue Senioreneinrichtung mit Stella Vitalis gekommen.

Und ich muss Herrn Raabe zustimmen: Die Sichtachsen sind leider derart zugewachsen mit Gestrüpp, dass der Platz eher einer – wie die Goslarsche Zeitung einmal in anderem Zusammenhang so schön titelte – grünen Hölle gleicht. Man setzt sich auf eine schöne Sitzbank… und schaut auf Büsche. Keine allzu spannende Aussicht.

Vor fünf Jahren hatte man noch freien Blick auf die Pfalz und das Breite Tor, wie Egbert Raabe zu berichten weiß. Wahrscheinlich war das dann unmittelbar nach der Aufräumaktion des Stiftsgüterfonds. 

Aber auch die Ruine selbst versteckt sich in dichtem Grün. Von der Nordseite der Ruine ist fast gar nichts mehr zu sehen. 

Ich meine schon: Die Ruine in sich mit ihrem Umriss sollte zu erkennen sein. Sie ist ein Stück Geschichte. 

Raabe erzählt, das südliche Längsschiff sei früher ordentlich gesäubert und mit grobem Kies angefüllt worden. Man kann auch heute noch sehen, dass der Kies dem Gestrüpp wenigstens ein bisschen Einhalt geboten hat. Deshalb schlägt Herr Raabe vor, dieses Prozedere auf der Nordseite zu wiederholen. Ich halte das für eine gute Idee. 

Wir werden jetzt gemeinsam nach einer Lösung suchen, um das wuchernde Grün zu bändigen, die Ruine wieder freizulegen und auch die Sichtachsen wieder herzustellen. Und dann gilt es - wie an vielen anderen Stellen der Stadt auch - , einen Pflegestandard zu hinterlegen, damit der Urwald sich gar nicht erst wieder so sehr ausbreiten kann. 

Natürlich gibt es immer Dinge, die in einer Kommune nicht optimal laufen. Alles andere wäre Utopie. 

Gerade deshalb ist es wichtig, dass auf Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht wird. So wie Herr Raabe das getan hat – und er hat das sehr geschickt gemacht. Statt sich nämlich hinzustellen, mit dem Finger auf die Stadt zu zeigen und zu meckern – im „besten Fall“ noch mit dem Hinweis wie unfähig die Stadtverwaltung denn sei und dass dort nur nutzlose Trottel arbeiten (ja, das hört und liest man tatsächlich hin und wieder) – hat er höflich beschrieben, was aus seiner Sicht im Argen liegt und einen Lösungsvorschlag gemacht. Noch dazu hat er auch einen eigenen Beitrag angeboten. 

Ich finde, auf diese Art gestalten sich das Gespräch und die Zusammenarbeit sehr viel angenehmer und produktiver. Wie sagt man doch so schön: Der Ton macht die Musik. 

Stimmt schon: Natürlich freue ich mich nicht über Kritik. Aber sie gehört doch dazu und sie gehört zum Leben. Und so kann ich auch mit Kritik gut umgehen, solange sie konstruktiv ist. Und noch mehr freue ich mich, wenn unsere Bürgerinnen und Bürger bereit sind, sich selbst einzubringen.

Und sei es nur, seine Vorstellungen bei einem gemeinsamen Spaziergang zu verdeutlichen.

Meine #Herzenssache #Goslar in dieser Woche: Unsere engagierten Bürgerinnen und Bürger.