Herzenssache Goslar: Mein kleiner Freund Barad

Heute möchte ich mal über meinen Freund Barad schreiben. Ein ganz großartiges Kind – ich habe ihn wirklich ins Herz geschlossen. Barad geht mit meiner Tochter Ida in den Kindergarten. 

Er spricht besser Deutsch als viele andere Kinder, er ist stets fröhlich und freundlich, interessiert, motiviert – und: Er ist ein Flüchtling. 

Die meisten werden sich erinnern, wie viel Wirbel es um meine Idee gab, Mittelstädten, Kommunen wie Goslar, mehr Flüchtlinge zuzuweisen als überlasteten Großstädten. Von vielen Seiten prasselte Kritik auf mich ein. Naja, die ganzen Schlaumeier sind heute wieder ruhig, kümmern sich um andere Wutbürgerthemen. 

Es war nicht immer eine einfache Zeit; es war auch hart, Kurs zu halten. Aber es war wichtig. Es hätte noch mehr Bürgermeister gebraucht, die optimistisch und positiv unterwegs sind. Viele Kollegen haben ja leider als Brandbeschleuniger gewirkt. Der kleine Barad hat mich immer wieder motiviert, an meinem Kurs festzuhalten. Er ist das Paradebeispiel für einen gut integrierten Flüchtling. 

Und er war es von Anfang an, er hat stets den Ehrgeiz ausgestrahlt, sich ganz positiv integrieren zu wollen. Aber das gilt nicht nur für ihn, sondern für die ganze Familie. 


Barads Familie ist ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Es gibt so viele Menschen da draußen, die nicht sehen wollen, dass wir den Menschen helfen müssen, die in ihrer Not zu uns kommen. 

Und es gibt zu viele Menschen, die nicht verstehen, dass wir es auch können, und es uns selbst hilft. Diesen Kritikern und Zweiflern müsste man nur Barads Familie zeigen. Im Dezember 2013 kam Barad mit seinen Eltern und zwei älteren Brüdern nach Deutschland. Da war er gerade mal drei Jahre alt. 

„Erst war es sehr schwer für uns“, berichtet seine Mutter Sareh von der Flucht aus ihrer Heimat. „Wir glauben an Jesus.“ Sieben Jahre hatte die Familie in Teheran keine Probleme mit ihrer Religion, doch dann wechselte die Regierung und mit ihr kam die Schikane. „Die Geheimpolizei kam in unser Haus und ordnete an, nicht weiter in die Gemeinde zu gehen“, berichtet Sareh. Das Argument: „Sie sind Moslem.“ Halte die Familie weiter am Christentum fest, müsse sie das Land verlassen. Schweren Herzens ließen sie alles zurück: ihr Hab und Gut, ihre Freunde, ihre Heimat. Es ging aus dem Iran in die Türkei. „Dorthin waren schon viele Leute aus unserer Gemeinde geflohen.“ 25 Monate verbrachten sie dort, bevor sie nach Deutschland geschickt wurden. 

 Zehn Tage blieben Barad und seine Familie in Friedland, einen Tag vor Weihnachten kamen sie nach Goslar. Die Familie wohnt in Jürgenohl, Barad geht aber in der Innenstadt in die Kita. „In Jürgenohl haben wir keinen Platz gefunden.“ Als Sareh dann mit ihrer Tante durch Goslar schlenderte, entdeckten sie den Kindergarten Kunterbunt in der Worthstraße. „Da haben wir einfach mal gefragt.“ Seitdem wird Barad dort betreut und ist glücklich. 

Zugegeben: Die ersten zwei Wochen waren schwer für den kleinen Iraner. „Zwei Wochen hat er geweint – fremdes Land, neue Sprache und tagsüber ohne Mutter“, erzählt Sareh. Aber der damals Dreijährige fand schnell Freunde und lebte sich ein. „Barad hat besser Deutsch gelernt als wir“, scherzt seine Mutter. Am liebsten spielt er draußen, tobt sich so richtig aus. 

Er spielt Fußball beim GSC. Einmal die Woche geht Barad in die Musikschule. Er spielt Cello und übt jeden Tag. Auch seine älteren Brüder sind musikalisch, spielen Klavier und Geige. Und weil sie kein eigenes Klavier zu Hause hatten, bekamen sie kurzerhand eines geliehen. „Die ganze Geschichte ist ein Wunder“, schwärmt Sareh von der Hilfsbereitschaft der Goslarer. 

 Noch diesen Sommer geht es in die Schule, diesmal in Jürgenohl. „Das sind zwei Minuten mit dem Fahrrad“, sagt Barad und verspricht mir, ab jetzt immer mit Helm zu fahren. Das war meinem Freund irgendwie noch nicht so richtig klar, dass der Helm wirklich einen Sinn hat. Er freut sich auf die Schule. Barad ist richtig gut im Rechnen, seine Erzieherinnen prognostizieren ihm gute Noten. 

Und sie sind schon jetzt wehmütig, wenn sie daran denken, dass der die Kita verlassen wird. „Er wird uns fehlen.“ Schnell ist ihnen der Junge ans Herz gewachsen. Aber auch, weil er und seine Eltern sehr interessiert und für alles offen sind. „Sie sind ehrgeizig und engagiert.“ Ich kann nur anfügen: Mir wird er im Kindergarten auch fehlen. 

 Barads Vater macht derzeit eine Ausbildung zum Zahntechniker. Seinen Beruf hatte er in der Heimat zwar jahrelang ausgeübt, aber seine Abschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt. Arbeitslos zu sein, kommt nicht in Frage. Klasse! 

 Und auch Mutter Sareh ist aktiv. Sie hat gemeinsam mit einer Freundin eine Ausstellung organisiert, ihre Art „Dankeschön“ zu sagen – wie sie mir erzählt hat: 

 http://live.goslarsche.de/post/view/58e7ad1e04a238ed4d21c53f 


Ich finde das bewundernswert! Alles zurückzulassen, ganz neu anzufangen, in einem fremden Land und ohne die Sprache zu sprechen. 

Diese Familie legt sich ins Zeug, um sich ein neues Leben aufzubauen. Sie bestärken mich, dass mein Kurs der richtige war und ist. 

Und der kleine Barad, der stärkt mich auch. Dieses Kind nutzt alle Chancen, die wir ihm in Goslar geben können. Und er gibt uns ganz viel zurück, heute schon! Morgen und übermorgen noch mehr! Und nach Abitur und Studium – wo auch immer, in Goslar, in Deutschland oder anderswo. 

Wir sind stark und kräftig genug, den Menschen, die in Not geraten sind, zu helfen. Und das sollten wir tun, denn wenn wir es richtig angehen, geben sie uns etwas zurück. 

Und mein Freund Barad ist dafür so ein richtig gutes Beispiel. Ich bin stolz und glücklich, ihn und seine Familie in Goslar zu haben. Und ich bin stolz und glücklich, dass sie sich bei uns in Goslar wohlfühlen.

Herzenssache Goslar: Mein kleiner Freund Barad