Herzenssache Goslar: Die Stubengalerie

Wie reimte einst Helmut Krauss im Rahmen des Neujahrsempfangs vor über 3 ½  Jahren: „Der Burkhard Siebert ist ein stattlicher Mann, der auch was kann. Drum ham sie ihn – quasi über Nacht – zum Ersten Stadtrat gemacht.Hoffentlich seh´n wir uns mal wieder, in der Stubengalerie. Denn wenn wir beide dort steh'n und unterhalten uns toll, ist die Stube schon voll.“

Waren Sie schon einmal in der Stubengalerie? In dieser heimeligen kleinen Galerie an der Abzucht? Falls nicht, sollten Sie dort dringend einmal vorbeischauen, denn die Stubengalerie ist eine ganz besondere Kunstgalerie. Die Stubengalerie von Antje Stoetzel-Tiedt (www.galerie-tiedt.de) ist kein Geschäftsbetrieb, wie man es von anderen Galerien kennt. 

Sie ist vielmehr eine Kulturstätte, die nur nicht von der Stadt oder einer Stiftung getragen wird, sondern von Privatpersonen. Und die – nämlich Inhaberin Antje Stoetzel-Tiedt – verknüpfen das mit dem Verlauf von Bildern. 

Bei meinem Besuch vor einigen Tagen drückte Frau Stoetzel-Tiedt es folgendermaßen aus: Der Verkauf müsse die Kosten tragen. „Eine Familie kann ich davon nicht ernähren.“ Umso mehr verdient es unseren Respekt, dass jemand sich mit Herzblut der Kunst widmet, obwohl damit kein Vermögen zu erwirtschaften ist. Dafür sorgt Antje Stoetzel-Tiedt für hochkarätige Ausstellungen, 5 bis 6 Stück im Jahr, Führungen und Künstlergespräche – sehr zur Freude aller Kunstinteressierten in Goslar und der Region. „Viele spannende Laute kommen hier her“, erzählt die Inhaberin. Das lockt. So manche Stammkunden reisen sogar aus Berlin an. Dabei sollte man denken, dass es eher andersrum ist. Dass Goslarer in die Bundeshauptstadt, die Kulturhochburg, reisen. Da zeigt sich wieder einmal, dass Goslar auch auf kultureller Ebene richtig viel zu bieten hat. 

Begründer der Stubengalerie ist Alvin Grashoff, der Großvater von Antje Stoetzel-Tiedt. Ihm kam die „Schnapsidee an einem Winterabend“, wie seine Enkelin heute mit einem Augenzwinkern berichtet. Grashoff hatte zwar Kunst studiert, setze sie aber nicht beruflich um. Dafür hielt er sein Leben lang daran fest und hielt die Kontakte, die er geknüpft hatte. 1973, kurz bevor er 70 Jahre alt wurde, war es dann soweit: Die Stubengalerie öffnete ihre Pforten in der Abzuchtstraße. „Opa fand das Haus so schön“, sagt die Enkelin. Von der Gründung zeugt noch die Fassade zum Hinterhof: AGR 17.11.73. 

Wie der „Vater“ der Stubengalerie haben sich auch Künstler, die zur Vernissage an die Abzucht kamen, auf der Fassade verewigt. Erst als darauf kein Platz mehr war, stieg man auf Platten um. 

Auch Grashoffs Tochter, Gudrun Tiedt, war schon immer kunstbegeistert. „Sie hat die Arbeit gemacht und er hat sich gefreut.“ Noch heute betont Gudrun Tiedt, wie viel Unterstützung sie hatte – ganz besonders von der ehemaligen Chefredakteurin der Lokalzeitung, Dr. Ursula Müller. 

Antje Stoetzel-Tiedt hingegen konnte der Kunst früher nichts abgewinnen, studierte stattdessen BWL in Bielefeld. „Wenn man mit so etwas aufwächst, will man das selbst gar nicht“, erklärt sie. Kennt wohl jeder dieses Gefühl. Das Schlüsselerlebnis kam dann in Bielefeld, als sie die Galerien vor Ort sondierte. Es folgte zunächst die Übernahme der Buchführung in der Stubengalerie, dann ein Kurs in Kunstgeschichte. Auch wenn man da nichts über die zeitgenössische Kunst lerne. Hilfreich war es allemal. 

Ich glaube, es wird häufig unterschätzt, dass Kunst für die Seele etwas Gutes tut“, sagt die 47-Jährige. Sie übernahm zum 1.1.2007 offiziell die Galerie. Seither ist sie das „Mädchen für alles“, was die Galerie betrifft: Die Königin des Schraubenziehers, Klofrau und Pressesprecherin. So sagt sie selbst. Es sei gerade eine so schöne Arbeit, weil sie so vieles verquicke. „Ich mache das mit einer derartigen Begeisterung – das hätte ich selbst nie geglaubt.“ Zwei bis dreimal die Woche arbeitet die Inhaberin in der Galerie, ansonsten im Büro zu Hause. Dafür war im Häuschen an der Abzucht kein Platz mehr. In jedem Zentimeter ist Kunst untergebracht. Und was sagen ihre eigenen Kinder heute? „Bloß nicht“, sagt Stoetzel-Tiedt und lacht. Das kann sich ja erfahrungsgemäß noch ändern. 

Für Goslar jedenfalls ist die Stubengalerie ein echter Gewinn und sollte uns erhalten bleiben. Denn da halte ich es wie die Kunstkennerin: „Goslar muss auf diese kleinen Geschäfte setzen.“

Ich sage herzlichen Dank Frau Stoetzel-Tiedt und ihrer Familie. Und ich erinnere mich gerne an viele schöne Momente und Stunden in und vor und hinter der Stubengalerie. Zu den Höhepunkten gehört sicher die Begegnung mit Neo Rauch und seiner Lebensgefährtin Rosa Loy, die eine Ausstellung in der Stubengalerie organisiert hatte. Mit Blick auf die #Abzuchtblumen, sitzend auf der Abzuchtmauer  - ein Glas Weißwein in der Hand - diskutierten wir über Kunst, moderne Kunst und natürlich den Kaiserring. Eine Frage bleibt für mich bis heute unbeantwortet: Warum hat Neo Rauch bis heute den Kaiserring nicht erhalten?