Herzenssache Goslar: Die Hochwasserhelfer

In den Mittelpunkt gerückt hat die Stadt Goslar gestern Abend alle Menschen, die der Stadt wichtig sind, die für die Stadt so wichtig waren – und zwar im Rahmen der Hochwasserkatastrophe. Und die, die sich ganz besonders ausgezeichnet haben (wir konnten nicht alle fassen und erfassen) haben wir in die Kaiserpfalz eingeladen, um Dankeschön zu sagen. Diese Menschen möchte ich in dieser Woche zu meiner „Herzenssache“ machen und hier Teile meiner Rede veröffentlichen: 


 Redeauszüge: (…..) das Hochwasser im Juli war brachial und brutal und hat – auch das habe ich bereits mehrfach so formuliert - uns allen unsere organisatorischen und technischen Grenzen aufgezeigt. Sie wissen alle, dass die Schäden im Stadtgebiet, Schäden an Hausrat, Schäden an Gebäuden, Schäden an Brücken, Schäden an kommunaler Infrastruktur, Schäden an Vereinsheimen und Schützenhäusern gewaltig – und bis heute an vielen Stellen auch noch sichtbar sind. 

 Und wir alle wissen, dass wir gegen eine solche noch nie dagewesene Hochwassersituation auch in Zukunft keinen 100prozentigen Schutz organisieren können. Finanziell schwer vorstellbar, technisch wie organisatorisch nicht. 

Halten Sie sich bitte vor Augen, dass bis Anfang Juli das Jahr 2017 eines der trockensten Jahre war. Historisch betrachtet mit den niedrigsten Talsperrenfüll-ständen zur Jahresmitte seit Bestehen des Talsperren-verbundsystems Anfang der 1970er Jahre. Der Juli brachte dann extreme Niederschlagsmengen, die in kurzer Zeit auftraten. Die Monatssummen sind an vielen Stationen des Harzes die höchsten seit Beobachtungs-beginn Anfang 1900. Mit Niederschlagsmengen von bis zu 300 Millimeter Regen in 72 Stunden wurden Ende Juli Rekordregenmengen im Harz verzeichnet. Nicht nur der Harz, sondern vor allem das nördliche und nordwestliche Harzvorland, das Oker- und Innerste-Gebiet waren von dem Dauerregen betroffen. 

 Insgesamt haben die Westharztalsperren bei diesem Hochwasser im 10 Tageszeitraum 35 Mio. Kubikmeter Wasser gespeichert. (….) ,was wir in Goslar, insbesondere in der Altstadt von Goslar erlebt haben, war nicht ein 100jähriges Hochwasser, ein sog. Bemessungshochwasser. Das kannten wir und darauf waren wir vorbereitet, sondern das alles entsprach nach den Berechnungen der Harzwasserwerke einer 1.000-jährigen Hochwassersituation. 

 Und aus diesen Gründen begann am Dienstag, 25 Juli, um 11 Uhr einer der umfangreichsten Einsätze der Goslarer Feuerwehr. Dieser dauerte fünf Tage bis Samstag, 29. Juli 18 Uhr. Nahezu 1.000 Einsatzkräfte von Feuerwehren und Rettungsdiensten, dazu viele freiwillige Helferinnen und Helfer - - Sie meine Damen und Herren !! - - haben sich daran beteiligt. Es gab über 335 Feuerwehr-Einsatzstellen im Stadtgebiet, 11.000 Sandsäcke wurden benötigt. Unmengen von Wasser bahnten sich ihren Weg über Gose und Abzucht in die Kaiserstadt. In Oker war der Bereich nördlich der Wolfenbütteler Straße betroffen. In Vienenburg war die Radau massiv über die Ufer getreten. Auch hier ergossen sich die Wassermassen in die angrenzenden Straßen. Zahlreiche Keller und Werkhallen liefen voll. Private Eigentümer wie Unternehmen wurden betroffen. In Wiedelah sorgte die Ecker für den Einsatz vieler Feuerwehrkräfte. Auf den Schleusendamm drückten Unmengen von Wasser, er drohte zu brechen. Auch in Hahnenklee-Bockswiese war eine noch nie dagewesene Einsatzhäufung festzustellen. 


 Einsatzschwerpunkte in Goslar waren das Alten- und Pflegeheim Theresienhof in der Rammelsberger Straße, die Abzucht im Bereich der Neuen Straße sowie zwischen dem Trollmönch und der Domstraße. Neben den vielen anderen Einsatzstellen lag bei den genannten Stellen die oberste Priorität. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Theresienhofs mussten evakuiert werden. 

(….)


Die beste Nachricht war und ist, dass bei allen materiellen Verlusten kein Mensch zu Schaden gekommen ist. Allerdings mussten drei Menschen in zwei lebensbedrohlichen Situationen gerettet werden. Während die Abzucht als wildes fließendes Gewässer bereits erste Schäden am Gehweg nahe der Trollmönchbrücke hinterließ, begaben sich am Mittwochabend des 26. Juli zwei Jugendliche in Lebensgefahr. Die reißenden Wassermassen umfassten die Beine der Freunde. Passanten informierten die Feuerwehr und bewiesen selbst Courage. Einer der Jugendlichen konnte an der Trollmönchbrücke gleich aus dem Wasser gerettet werden. Der Zweite wurde flussabwärts aus den Fluten gezogen. Nur durch die mutige couragierte Hilfe der im Bereich des Moritz-von-Sachsen-Platzes anwesenden Passanten war die Rettung der Jugendlichen erfolgreich. Und dies ist auch ein gutes Beispiel dafür, warum wir uns anfangs Gedanken gemacht haben, ob es sinnvoll und machbar ist, eine solche Helferehrung durchzuführen, weil sich so viele Menschen in diesen Tagen verdient gemacht haben, von denen wir gar nichts wissen oder deren Namen wir nicht kennen. 


 Ich bin mir sicher, wir haben bestimmt hunderte von Menschen vergessen, die wir auch noch hätten einladen müssen, denen ich gerne in diesem Rahmen im Namen der Stadt heute gedankt hätte. Nicht zu vergessen, dass unser Dank auch den Arbeitgebern zu gelten hat, die viele Helferinnen und Helfer freigestellt und auf die interne Rückvergütung der Stunden verzichtet haben. Es geht mir aber eigentlich auch gar nicht darum, einzelne herauszustellen, wie zum Beispiel diejenigen, die besondere Führungsverantwortung übernommen haben. (….) Liebe Freunde und Helfer, wir müssten jedoch noch viel viel mehr Menschen nennen und hervorheben, weil eigentlich jeder von Ihnen in diesen Tagen irgendetwas Besonderes gemacht hat. 

 Und weil dies schlecht möglich ist, habe ich mir überlegt, drei Personen – stellvertretend für alle – ganz besonders herauszustellen. Und zwar, weil es hier ebenfalls um eine lebensbedrohliche Situation ging: Wir alle haben sicher noch das Bild vor Augen von dem Auto, das in der Bahnunterführung Köppelsbleek vom Wasser eingeschlossen war. Das Fahrzeug war nicht mehr steuerbar und der Fahrer, ein älterer Herr, drohte in seinem Fahrzeug in den Wassermassen zu ertrinken. Michaela Stöker-Menge bemerkte als Passantin zufällig die Notlage und zögerte nicht, sich durch das Wasser zum Fahrzeug vorzukämpfen, um den Mann aus seinem Auto zu befreien. Dies war ihr aber allein nicht möglich und so wurde die Feuerwehr verständigt. (….) Die Einsatzkräfte Tobias Siol und Christofer Benstein gehörten zur Fahrzeugbesatzung, die aufgrund der dramatischen Meldung zu Hilfe eilte. Beim Eintreffen stand das Wasser in der Unterführung ca. 1,80 m hoch. Mittlerweile „schwamm“ das Fahrzeug durch eine Luftblase im Innern in der Unterführung. (….) Sie konnten den Mann letztendlich aus seinem Fahrzeug befreien und ihm so das Leben retten. (….) 


Soweit der Einsatzbericht von Einsatzleiterleiter der Feuerwehr Jens Müller, (….) die Stadt Goslar hat sich in der Krise von ihrer guten, von ihrer allerbesten Seite gezeigt. Ich denke an das hohe Spendenaufkommen. Ich denke an die vielfältige Unterstützung von Firmen, der Gastronomie, der Hotels. Ich denke vor allem an Sie, die vielen Menschen, die mit angepackt haben: Geschöpft, geräumt, geputzt, entschlammt, repariert und und und… Unsere Stadt hat Stärke und Kraft bewiesen, darauf können wir hier in Goslar richtig stolz sein. Liebe Freunde und Helfer, wir alle, wir haben unsere eigene große Selbsthilfeorganisation gegründet, gleichsam automatisch – innerhalb weniger Stunden. Und zwar deshalb, weil die Stadt Seele und Leben hat. In diesen Tagen konnte man sehen: In Goslar steht nicht nur eine Masse alter – unter Welterbeschutz gestellter Fachwerkhäuser, sondern hier haben wir eine ganz eigene, wirksame, positive Stadtgesellschaft und Kultur erlebt. (….)

Oliver JunkHerzenssache, Goslar