Herzenssache Goslar: Der letzte Reviersteiger Klaus Hubrich

Der Rammelsberg in Goslar. In vielen meiner Grußworte erzähle ich, dass ohne die Erzvorkommen des Rammelsberges die Geschichte der 1100 Jahre jungen Stadt Goslar einen anderen Verlauf genommen hätte. 

Ich berichte, dass der Berg der Stadt zu Reichtum und Macht verholfen hat. Dass beeindruckende noch sichtbare Gebäude wie unzählige Fachwerkhäuser in der Altstadt, aber auch die Kaiserpfalz, ohne die Erzvorkommen des Rammelsberges undenkbar wären. 

Heute entsteht Wertschöpfung nicht mehr aus dem Erzbergbau, der wurde 1988 eingestellt, sondern aus der Tatsache, dass die Unesco bereits 1992 dem Erzbergwerk mit der Altstadt von Goslar den Status „Weltkulturerbe“ verliehen hat. 

 Seit 2011 bin ich mitverantwortlich für den Museumsbetrieb am Rammelsberg und freue mich darüber, dass wir mit jetzt 110.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich zu den wenigen musealen Einrichtungen in Deutschland gehören, die die Zahl von 100.000 zahlenden Besuchern übersteigen. Und die Geschichte des Rammelsberges ist spannend: Die archäologischen Funde, über 1.000 Jahre – oder doch über 3.000 Jahre Menschheitsgeschichte und Bergbau – werden sichtbar. Der Röderstollen, die Kehrräder, der moderne Bergbau, die Dauerausstellung. 

 Aber auch die Menschen am Rammelsberg sind spannend: Vor wenigen Tagen wurde die Sonderbriefmarke „25 Jahre Weltkulturerbe“ am Rammelsberg vorgestellt. Und nach der Veranstaltung sprach mich Klaus Hubrich an, stellte sich als letzter Reviersteiger des Rammelsberges bei mir vor. Ein Mann also, der den aktiven Erzbergbau in Goslar bis zum letzten Erzbrocken mit begleitet hat. 

„Erzählen Sie mir Ihre Geschichte doch bitte bei Gelegenheit!“ bat ich ihn. „Gerne, aber Sie haben ja doch keine Zeit für meine alten Bergmannsgeschichten!“ rief er mir zurück. 

Das hat mich dann doch ganz schnell motiviert, mich mit ihm auf einen Kaffee am Rammelsberg zu verabreden. Und Gerd Lenz, der heutige Chef des Rammelsberges, gleichzeitig Stiftungsdirektor Welterbe im Harz, hatte auch Zeit gefunden. 


Und es waren interessante, lehrreiche 90 Minuten. 35 Jahre hat Klaus Hubrich unter Tage gearbeitet. „Bei mir ist Bergbau Tradition; ich habe dafür gelebt“, erzählt der 75-Jährige heute. Dabei sollte er der Tradition nach Förster werden. Sein Vater war Förster und auch in der Familie seiner Mutter wurde der Beruf über Generationen weitergegeben. 

Aber Klaus Hubrich wurde Bergmann. Tiere zu jagen, sie zu töten und auszuweiden – „das konnte ich nicht“, sagt er. Statt in den Wald führte seine Zukunft also in den Berg. Um 5 Uhr morgens verließ er das Haus, erreichte wenige Minuten später den Rammelsberg. Hubrich war Reviersteiger, er verantwortete das Revier 4 und damit rund 30 Männer. Er war damit sozusagen ihr Vorarbeiter, ihr Abteilungsleiter. 

 Er war der Erste am Rammelsberg, der direkt als stellvertretender Reviersteiger eingestellt wurde. Normalerweise begann man immer unten in der Hierarchie. 1983 stieg er dann zum Reviersteiger auf. Die Steiger hatten eine eigene Kaue – dort wo heute die Helme für die Besucher ausgegeben werden. 20 vor 6 folgte die Einfahrt in den Berg, zumindest für die Arbeiter der Frühschicht. Daneben gab es am Rammelsberg noch die Mittagsschicht. „Manchmal hatten wir so viel Erz, dass wir nichts mehr machen konnten“, erzählt der letzte Reviersteiger. Bergmann war laut Klaus Hubrich ein guter Beruf mit einer sehr guten Bezahlung. „Dachdecker waren gefährlicher dran als wir.“ Nach dem 2. Weltkrieg waren Sicherheit und Löhne gestiegen, nach den 50er Jahren boomte der Bergbau als Arbeitsmarkt. 

Dennoch: Auch Hubrich wurde Augenzeuge grausiger Unfälle im Berg, musste miterleben, wie Kollegen zu Tode kamen. Zuletzt 1987, im Jahr bevor das Bergwerk am Rammelsberg dicht machte. Seine Anfänge hatte der Bergmann in einer Kaligrube auf 900 Metern gemacht. 42 Grad Celsius, 20 Prozent Luftfeuchtigkeit. Im Rammelsberg herrschten angenehmere Temperaturen von 22 oder 23 Grad. Dafür lag die Luftfeuchtigkeit bei 90 Prozent! „Es war eine schöne Zeit, eine harte Zeit.“ Noch heute lässt ihn der Bergbau nicht los. 

Er beherbergt zu Hause eine Mineraliensammlung und 150 Grubenlampen aus aller Welt. „Ich war immer schon Jäger und Sammler“, scherzt er. Aus dieser Sammlung hat er mir etwas mitgebracht: Erz aus dem Rammelsberg, fein verwachsen, und Erz aus Bad Grund, im Vergleich grob verwachsen. Außerdem eine echte Rarität: Kalkspat mit Schwefelkies und Kupferkies. 1988 selbst im Rammelsberg gefunden; 239, 5. Teilsohle. Damals war das Abfall, heute ein echter Schatz. Ich werde ihn in Ehren halten. 

Mit glänzenden Augen berichtet Klaus Hubrich von der großartigen Kameradschaft unter den Bergleuten. „Man war auf jeden angewiesen. Der Bergbau ist eine richtige Familie gewesen.“ Ganz besonders als Reviersteiger trug er Verantwortung. Er musste nicht nur auf sich, sondern auch auf die Gesundheit der Kollegen achten. Seine Männer in einen staubigen Berg schicken? Nichts da. Keiner sollte eine Staublunge kriegen. Durch Wasser wurde der Staub gebunden, dafür wurden die Gänge aber auch rutschig. Die Lösung: Streusalz. „Das A und O war die Sicherheit“, sagt Hubrich. Die Kameradschaft hat überdauert. Jeden Monat treffen sich Hubrich und seine früheren Kollegen in der ehemaligen Steigerei. Neun Mann sind noch aktiv dabei. „Ich war immer der Jüngste“, erzählt der heute 75-Jährige. 

Als er noch arbeitete traf man sich in der Stammkneipe an der Gose. „Da war natürlich immer Stimmung.“ Wenn ich an den trockenen, feinen Humor von Klaus Hubrich denke, habe ich das Gefühl, dass auch heute noch gute Stimmung herrscht, wenn sich die Steiger treffen