Herzenssache Goslar: Das Zinnfigurenmuseum

Landtagswahl am 15.10. in Niedersachsen. Vor Wochen hatte ich mir hinterlegt, dass ich doch eine “Herzenssache Goslar” zur Landtagswahl schreiben könnte. Warum es so wichtig ist, wählen zu gehen! Wen man und warum wählen kann!

Ich möchte mal richtig ehrlich sein: Dieser Wahlkampfmist macht richtig müde. Ich habe das TV-Duell zwischen Althusmann und Weil nicht angeschaut (Merkel und Schulz hat ich auch schon nicht so recht interessiert), aber im Netz wurden beide schon zum Sieger erklärt, da hatte das TV-Duell noch überhaupt nicht begonnen.

Dieser Politik-Stil macht müde und die Parteien brauchen sich nicht über müde Wähler zu ärgern, wenn sie über ihre Pressestellen (heute heißt das sicher anders) exakt diesen Mist verbreiten.

So, und deshalb gibt es nichts zur Landtagswahl, sondern eben zu einem Thema, das mir wirklich Herzenssache ist: Große Kultur, aber gerade kein Kaiserring über den wir so viel gesprochen haben, die letzten Tage. Und so mancher Kommentar (etwa zum städtischen Zuschuss für die inzwischen richtig unzulänglichen Ausstellungen im Mönchehaus) verwundert schon, wird aber nicht hier beantwortet. Platz für andere Themen:

Herzenssache Goslar: Das Zinnfigurenmuseum: Klein, aber oho, möchte ich fast sagen. 16.000 bis 18.000 Besucher im Jahr zählt das Zinnfigurenmuseum Goslar. Das kann sich sehen lassen! Das liegt aber sicher nicht nur an den filigranen Figuren und Themenwelten, sondern auch am guten Konzept. 

Das Team um die ehrenamtliche Museumsleiterin und Vorsitzende des Fördervereins, Antje Baensch, setzt auf eine Kombination mehrerer Standbeine: Erlebnisraum, Verkaufsausstellung, Märchenausstellung, Werkstatt und ein schönes Schachspiel im Erdgeschoss. “Wir machen immer etwas Neues und versuchen, zu den Ausstellungen immer etwas anzubieten”, erklärt mir Antje Baensch. 

Zur Sonderausstellung “Die Wikinger!” wird etwa thematisch passend Zinngießen angeboten - mit Formen aus Speckstein für - richtig: Wikinger. So toll manche Ideen auch sind, sie müssen umsetzbar sein und Besucher anlocken. Denn ein Museum ohne Besucher trägt sich nicht. 

Die Zinnfigurenmannschaft um Chefin Baensch hat beides: Nicht nur Ideen, sondern auch betriebswirtschaftliches Denken. Das Zinnfigurenmuseum nutzt seinen Verkaufsshop als Einnahmequelle, wie es laut Baensch in anderen Ländern schon üblich ist. Vergleichbare Museen in Deutschland sträuben sich oft noch. 

Die Idee für ein Zinnfigurenmuseum hatte vor vielen Jahren, nämlich bereits Mitte der 70er, Antje Baenschs Mann Achim. Erst Jahre später sollte die Idee Fahrt aufnehmen. 1983 wurde der Gedanke konkret. Und dann dauerte es noch einmal eine Weile, bis das Zinnfigurenmuseum seine Pforten öffnete. 

Mit Ehrenamtlichen und einem mageren Budget von 10.000 DM wurde der Weiße Schwan in der Münzgasse hergerichtet. “Es gab kein Diorama, keine einzige Zinnfigur”, erzählt Baensch. 1985 wurde dann der Verein gegründet, der Förderkreis Goslarer Zinnfiguren-Museum e.V. 

Der Vertrag mit der Stadt im Weißen Schwan lief über 10 Jahre. Dann wurde die Frist immer kürzer, weil das Haus verkauft werden sollte, wie die Museumschefin berichtet. “Wir waren damals schon erfolgreich.” Der große Fortschritt kam dann aber mit der Expo 2000 in Hannover. 100.000 DM gab es damals von Sparkasse und Stadt. 2008 folgte der Umzug zur Lohmühle - wieder mit viel ehrenamtlicher Kraft. 

Antje Baensch wurde Vorsitzende des Förderkreises. Um so ein Museum mit so vielen Besuchern ehrenamtlich zu führen, muss man eine Menge Hintergrundwissen haben. Baensch wusste immer viele Unterstützer hinter sich. “Ganz wichtig für ein Museum ist das Konzept. Mein Mann ist ein hervorragender Konzeptionist.” Das Konzept von 1984 habe noch heute Gültigkeit, wenngleich es jedes Jahr auf den Prüfstand gestellt und angepasst wird. So gibt es eben mittlerweile die verschiedenen Standbeine. “Alle Mitarbeiter müssen vielseitig sein. Ich habe Mitarbeiter, die sich voll einsetzen und immer neue Ideen haben." 

Die müssen natürlich in das bestehende Konzept passen. Derzeit ist der Blick auf Smartphones gerichtet. Sie sollen die Ausstellungen unterstützen. "Das ist das Wichtige bei uns: Wir denken immer gemeinsam” - und modern, wie mir scheint. Da haben wir es wieder: Es reicht nicht, im Museum morgens die Tür auf und abends abzuschließen. 

Es braucht nicht nur Begeisterung, sondern auch Ideen, Mut zum Fortschritt und vor allem Häuptlinge, die sich mit Dingen wie Wirtschaftsplan und Rechenschaftsberichten auskennen. Solche Häuptlinge ehrenamtlich für den Vorstand zu gewinnen, ist nicht einfach. Davon kann Antje Baensch ein Lied singen. Mit 75 wollte sie eigentlich aufhören, aber es ist kein Nachfolger in Sicht. Dabei sind die Voraussetzungen günstig - es gibt fähige Mitarbeiter und eine gute Stimmung. Selbst als das Zinnfigurenmuseum vom Hochwasser im Juli schwer getroffen wurde, packten alle mit an. 

“Es gibt kaum ein Museum, bei dem sich die Leute so wohlfühlen und das so lange besteht”, schwärmt die derzeitige Leiterin. “Für Goslar ist das wirklich ein Gewinn.” Ich wünsche mir, dass wir eine neue Vorsitzende oder einen neuen Vorsitzenden für den Förderkreis und damit eine neue Museumsleitung gewinnen können. Damit Antje Baensch ihren wohlverdienten Ruhestand antreten kann. Dem Museum bleibt sie mit Rat und Tat sicher erhalten.

Oliver JunkHerzenssache, Goslar