Herzenssache Goslar - Das St. Annenhaus

Herzenssache Goslar: Das St. Annenhaus von 1488. Fast 529 Jahre; so alt ist das St. Annenhaus bereits und es ist das älteste völlig erhaltene Fachwerkhaus in Goslar. 1488! Unfassbar, wenn man bedenkt, dass Kolumbus 1492 Amerika laut Geschichtsbüchern entdeckt hat. (Wer nun wirklich zuerst den Fuß auf den Kontinent setze, ist eine andere Diskussion.) 

1488 wurde das St. Annenhaus von Goslarer Grundbesitzern gestiftet und es ist noch immer erhalten. Genau das wollen wir auch weiterhin tun, denn es ist ein Denkmal, ein Zeugnis einer anderen Epoche. 

Brigitte Husmann, die das St. Annenhaus ehrenamtlich betreut und regelmäßig samstags die Pforten öffnet, wandte sich in meiner Bürgersprechstunde mit dem Wunsch nach Unterstützung an mich. Und die hat sie an jeder Stelle verdient, schließlich ist es eine hoch anzuerkennende ehrenamtliche Arbeit, Gästen unserer Stadt (und uns!) jeden Samstag das St. Annenhaus zu öffnen. 

Heute gehört das Gebäude der Altersheim-Stiftung und hat trotz guter Pflege und Sanierung um das Jahr 2000 ein paar kleine „Baustellen“. 

Diese hat mir Frau Husmann vor Ort gezeigt und zählte ein paar eindrucksvolle Fakten auf - und da war wieder viel Neues für mich dabei. So ist das ja oft, man läuft fast jeden Tag daran vorbei, aber schaut viel zu selten rein. 

Gehen wir einige Jahrhunderte zurück… Heutzutage haben wir – zumindest in Deutschland – ein Sozialsystem, das die Schwachen auffängt. Im Mittelalter gab es das nicht. Es gab keine Rentenkasse, keine Sozialhilfe. Die  Knappschaft, Geburtsort Goslar! Auch schon über 750 Jahre alt! nicht für jeden zugänglich. 

Damals waren Alte und Kranke auf ihre Familien angewiesen. Wenn man aber keine Familie hatte? Kein Einzelfall. Mägde und Knechte standen ihrem Dienstherrn Tag und Nacht zur Verfügung. Sie gründeten keine eigene Familie und hatten damit auch niemanden, der sie im Alter aufnahm. Sie fanden Zuflucht im St. Annenhaus, das im Gegensatz zum Hospital im Großen Heiligen Kreuz arme Bürgerstöchter aufnahm. Das Stift wurde 1494 gegründet. 

Bis einschließlich 1997 wurde das älteste vollständig erhaltene Fachwerkhaus Goslars als Altersunterkunft genutzt. 

Häufig brachten Arbeitgeber dort ihre Angestellten unter, kauften sie dort ein, wie man sagt. So lebten stets zwölf Frauen in dem Gebäude – von Männern ist in der Geschichte des St.-Annenhauses eher wenig die Rede. Sie wohnten alle in einem Raum, Anbauten gab es nicht. Wenn man in diesem dann doch relativ kleinen, dunklen Raum steht, ist das eigentlich unvorstellbar. Aber so war es. „Es war bereits eine große Errungenschaft, dass sie nicht auf der Straße leben mussten“, erklärt Brigitte Husmann. 

Erst um 1720 ließ der damalige Pastor das Haus umbauen. Jede Frau bekam ihre eigene kleine Kammer. 1974 zog die letzte Bewohnerin ein. Das St. Annenhaus beherbergt viele kleine Schätze – allen voran die Margaretendecke. Sie wurde Sage und Schreibe 1440 von Nonnen gearbeitet. Aber auch andere Ecken und Winkel sind beeindruckend: Der Altar wurde 1713 gespendet, in den Fenstern verewigten sich um 1640 die Stifterfamilien mit ihren Wappen, die Kapelle wurde zwischen 1700 und 1720 ausgemalt und von 1140 bis 1180 wurde die Kemenate gebaut. 

Heute wird dort laut Husmann ab und zu noch mittelalterliches Kochen mit Kindern veranstaltet. In der Kapelle finden Trauungen und Gottesdienste statt. Sieht man genauer hin, findet man schnell ein paar Macken: Hier muss eine Treppenstufe erneuert werden, dort ist eine Fliese lose, hier blättert der Putz ab. 

Es ist wie beim privaten Häuslebauer: Es gibt immer eine Kleinigkeit, die repariert werden muss. Man muss halt investieren, um zu erhalten. Das St. Annenhaus gehört der Altersheim-Stiftung, die wiederum wird von der Stadt Goslar verwaltet und das Goslarer Gebäude Management übernimmt die Gebäudeinstandhaltung. 

Zusammen werden wir jetzt einen Weg finden, die Reparaturen zu erledigen, denn wir wollen das historische Fachwerkhaus nicht verkommen lassen. 1488! Man muss sich mal bewusst machen, wie alt das alles ist, was Gebäude, Mauern, Kunstwerke schon alles erlebt haben und bezeugen können. 

Auch unser Rathaus entstand zu der Zeit; der Bau begann Mitte des 15. Jahrhunderts. Die ältesten Teile lassen sich einer Bauphase von 1430 zuschreiben. Das Große Heilige Kreuz wurde sogar bereits 1254 gestiftet. 

Wäre doch der Wahnsinn, wenn diese Bauwerke auch im Jahr 2500 noch zu bestaunen sind und wenn es auch unserer Generation gelingt, das Gebäude zu bewahren, zu erhalten.

Und wir beweisen in Goslar, dass wir den Erhalt schaffen. Und zwar nicht durch museale Präsentationen, sondern durch Nutzung! “Ein Denkmal erhält man nur durch Nutzung!” so sagt es der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege sehr gerne. Recht hat er: Im St. Annenhaus erleben wir kirchliche Nutzung und Vereinsnutzung, Kulturinitiative, Geschichtsverein als Stichwort.