Gemeinsam “harzen”

Am 25.04.2015 wurde ich als Nachfolger von Dr. Michael Ermrich zum Präsidenten des Harzklubs gewählt. Der Harzklub hat rund 13.000 Mitgliedern in 88 Zweigvereinen. Weitere Infos www.harzklub.de

Der Harzklub ist das kraftvolle, finanziell und politisch unabhängige, traditionelle, identitätsstiftende und länderübergreifende Gewissen und Gedächtnis, ja die Seele des Harzes.


In meiner Bewerbungsrede am 25.04. habe ich mich mit dem Begriff der “Heimat” auseinandergesetzt. 

Hier Auszüge der Rede:



Meine Damen und Herren,

Liebe Freunde des Harzklubs,

lassen Sie mich voran schicken, dass ich es als große Ehre empfinde, gefragt worden zu sein, ob ich mir vorstellen könnte, den Hauptvorsitz im Harzklub zu übernehmen.

Denn der Harzklub ist nicht irgendein Verein. Der Harzklub ist das kraftvolle, finanziell und politisch unabhängige, traditionelle, identitätsstiftende und länderübergreifende Gewissen und Gedächtnis, ja die Seele des Harzes.

 Und meine Motivation, das Amt zu übernehmen ist es auch ganz gewiss nicht, aus Ihnen hier Twitter und Facebook Freunde zu machen oder Garantien abzugeben, wie viele Mitglieder und Zweigvereine wir in 2 und in 5 oder in 10 Jahren zählen können.

Meine Motivation ist - der Harz, so kurz – so einfach.


ANREDE

An was denken Sie, wenn Sie „Harz“ hören?

Ich denke  an Natur und Bergbau, Brocken und Wintersport, Ich denke an Fachwerkstädte und die Harzer-Schmalspurbahn, der Harz ist ganz sicher auch Tourismus und Industrie, der Harz ist 18,5 Mio. Kubikmeter Holz in 54.000 Hektar Wald, 600 km ausgewiesene Wanderwege, fast 25 Hektar Nationalpark, knapp 360 Millionen Kubikmeter Wasser in den Talsperren und Stauseen, 2.226 Quadratkilometer Mittelgebirge

Zuallererst, meine Damen, meine Herren, ist der Harz aber Heimat.

Es gibt sicher unterschiedliche Auffassungen, was Heimat ist und welche Bedeutung sie für die Menschen hat.

Es ist noch nicht lange her, da war das “Heidi” und “Der Förster vom Silberwald” und “Die Sennerin von St. Kathrein”.

Heimat, das waren Trachtengruppe und Blaskapelle, der Nachhall von nationalem Pathos und das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte. Heimat war der erklärte Feind aller Spät-Achtundsechziger und anderer progressiver Weltbürger.

“Heimat”, höhnte der “Spiegel” vor nur wenigen Jahren,

ZITAT

“das ist der Lindenbaum, unter dem Vater Staat und Mutter Natur einträchtig im Kreis ihrer Lieben beieinander sitzen und sich freuen, dass alles ist und bleibt, wie es immer war.”

ZITAT ENDE

Heimat also irgendwie etwas für ewig Gestrige? Was verstaubtes?

Mitnichten, meine Damen und Herren,

Heimat wird heute anders bewertet. Überall begegnet einem dieser Begriff, der Wert von Heimat ist gestiegen.  Ja, ganz sicher, Heimat erlebt eine Renaissance

Längst sind auch die ehemaligen Spötter umgeschwenkt und heimgekehrt. Heimat ist salonfähig, vom Vertriebenentreffen bis zum Veteranenstammtisch des Frankfurter Häuserkampfes.

Das gilt auch für die sprachliche Heimat,

“Lurens, sachens, hörens un opjepaas!” (“Schauen Sie mal, sagen Sie mal, hören Sie mal und aufgepasst!”)

Kein Wort verstanden ohne die Übersetzung? Dann haben Sie einen neuen Trend verpasst: Dialekte sind nicht länger verpönt als Ausdruck von Ungebildetheit. Regionale, deutsche Mundarten sind wieder hoch im Kurs.

Auch singt man wieder deutsch, die eigene Sprache taugt für aktuelle Musik. Eine regelrechte „neue deutsche Welle“ hat eingesetzt. Die Stadt Goslar reagierte jüngst mit der Entscheidung, dass der Paul-Lincke-Preis,  (der an Musiker verliehen wird, die sich besondere Verdienste um die deutschsprachige Unterhaltungsmusik erworben haben,) jährlich verlieren wird.

Ebenso gewinnt „Heimat“ mit Blick auf die zeitgenössische Literatur an Bedeutung. Sie alle kennen die regionalen Anbindungen in aktuellen Krimis, z. B. bei Kommissar Kluftinger aus dem Allgäu oder seiner Kollegin Pia Kirchhof im Rhein-Main-Gebiet.

Zusammengefasst heißt das: Kunst ist ein verlässlicher Seismograph für gesellschaftliche Änderungen. Und sie zeigt ganz deutlich: Es ist nicht mehr uncool, kein Kosmopolit zu sein und seine Stadt, sein Land zu mögen.


Liebe Heimatfreunde,

Warum ist das eigentlich so? Warum ist Heimat wieder so positiv besetzt?

Zunächst hat ja  jeder ein anderes Bild im Kopf, wenn er an Heimat denkt:

der Krabbenkutter-Hafen in Friesland,

die Mietskaserne mit Hinterhof in Kreuzberg,

weiß-blaues Alpenpanorama

schwarze Zechensiedlungen im Ruhrgebiet

Weinberge an der Mosel

Dunkle Tannen im Schwarzwald

Wir – im Harz – denken vielleicht eher an die Stabkirche in Hahnenklee, an das Fachwerk, den Brocken, die Natur, vielleicht aber auch einfach an Kirchen, Marktplätze, kleine Häuser, große Häuser – Orte, wo Wurzeln haften.

Aber Heimat ist noch mehr als diese Bilder.

Die Erinnerung gehört dazu, die ins unterbewusste Gedächtnis eingebrannte Mischung aus Geschmack, Geruch, Geräuschen, der Duft von Bratwurst und Rotkohl auf dem Küchentisch, die hohen Wolken, die Luft, die nach dem Morgennebel über herbstlichen Wiesen riecht.

Heimat ist Weißwurst und Weizenbier, der Dialekt der Kindheit, das Klopfen der Skatkarten auf dem Wirtshaustisch, die Lieblingsmusik der Eltern, das Gutenachtgebet, der Geruch von Lebkuchen und Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und das Aroma der Sonntagsbrötchen.

Für 89 Prozent der Deutschen werden Heimatgefühle ausgelöst von ihrer näheren Umgebung, von der Familie, dem Freundeskreis.

Im Internet habe ich folgende Heimatdefinition gefunden:

“Wo ich mich geborgen fühle und Vertrauen habe, bin ich zu Hause. Heimat sind die Geborgenheitsnischen auf dem Lebensweg, in denen man dem eisigen Gegenwind entgehen, Kraft tanken kann, um ihm dann umso standhafter die Stirn zu bieten.”

 Meine Damen und Herren,

das ist Heimat im Zeitalter der Globalisierung. Oder eine andere Wahrnehmung von Heimat im Zeitalter der Globalisierung.

Während unsere wirtschaftlichen Tätigkeiten immer weitere Räume benötigen und zum Teil jede Bodenhaftung verlieren, suchen wir doch immer kleinere Räume, in denen wir uns zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können.

Zu Hause sein - warmes Gefühl in einer kalten Welt, in der Mensch nur Halt findet, wenn er Heimat hat. Durch Orte, Menschen, Glauben, den Kokon des Vertrauten, das Gefühl von Beständigkeit. Heimat - Kaschmir für die Seele.

Heimat: Ort der Erinnerung, des Innehaltens, des Beharrens und des Widerstands gegen den rasenden Wandel.

Es gibt etwas in unserer menschlichen Natur, das sich den permanenten Beschleunigungen widersetzt. Man kann das Wachstum eines Kindes nicht beschleunigen. Man kann die Entstehung eines Kunstwerkes nicht beschleunigen. Man kann das Gesundwerden oder das Krankwerden nicht beschleunigen. Man kann den Reifeprozess eines guten Weines nicht beschleunigen.  Heimat ist Entschleunigung.

Heimat stellt für mich das entscheidende Fundament für die eigene Identität dar.

Positives Bewusstsein für Tradition und Heimat stellt kein Gegensatz zu einer offenen, toleranten und neugierigen Harzer Identität dar. Heimatverbundenheit und Weltoffenheit sind keine Gegensätze.

Anrede,

Sie fragen sich, warum ich Ihnen etwas von Heimat erzähle?

ich bin  1976 in Frankfurt am Main geboren, aufgewachsen im Mittelhessischen Wetter, Abitur 1995 in Marburg an der Lahn, Bundeswehrstationen in Hessisch Lichtenau, Homberg/Efze und Stadtallendorf, Studium der Rechtswissenschaft mit wirtschaftswissenschaftlicher Zusatzausbildung in Marburg und Bayreuth. Promotion, Hochzeit, Familiengründung, Hausbau, Aufbau einer Anwaltskanzlei im oberfränkischen Bayreuth. Seit September 2011 Oberbürgermeister in Goslar. Und in Goslar lebe ich nun seit 3 ½ Jahren, mit meiner Frau und unseren gemeinsamen vier Töchtern.

Daheim ist man dort, stellte der Schriftsteller Christian Morgenstern einmal fest, daheim ist man, „wo man verstanden wird“.

Also nicht unbedingt da, wo man geboren wurde oder wohnt, sondern da, wo man sich angenommen fühlt. Und verstanden wird man, ganz gleich wo man sich aufhält von denen, die auf derselben Wellenlänge liegen.

Meine Damen und Herren,

Der Harzklub wurde 1886 mit dem Ziel gegründet, den Harz mit seinen landschaftlichen, historischen und kulturellen Besonderheiten für Einheimische und Besucher zu erschließen.

Seit 1886 ist der Harz besser erschlossen, aber historisch und kulturell noch spannender und vielfältiger geworden.

Denn schließlich waren Landschaften und Orte im Harz, die in ihrer natürlichen und kulturellen Prägung zusammengehören über Jahrzehnte durch 75 km Todesstreifen zwischen Ilsenburg und Walkenried getrennt.

Und schließlich ist der Harz, viel stärker – man darf auch sagen dramatischer – betroffen von wirtschaftlichem Strukturwandel und demographischen Veränderungen.

Die Notwendigkeit und Bedeutung der Arbeit im Harzklub ist also nicht kleiner, sondern größer geworden.

Meine Damen und Herren,

Ich habe tatsächlich keine Vorbildung für das Amt, das ich gerne übernehmen möchte.

Aber ich habe Ziele:

(…)

Mein Ziel ist es, gemeinsam mit Ihnen, folgendes in das Bewusstsein der Menschen zu bekommen:

Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert.

Und deshalb bin ich zutiefst davon überzeugt, dass es nicht nur ganz wunderbar ist, Heimat zu haben, sondern dass es wichtig ist und sich lohnt, für die Heimat zu arbeiten.

Ich möchte, dass noch mehr Menschen Verantwortung für unsere Heimat übernehmen und zwar insbesondere die Generation, die noch lange in dieser Heimat leben werden.

Der Harz und die Arbeit im Harz-Klub ist weder verstaubt noch langweilig.

Und genau darauf sollten wir vielleicht mal stärker aufmerksam machen und damit vielschichtiger und generationsübergreifender Interesse für uns wecken.


(….)


Lasst uns daran arbeiten, den Harz-Klub noch

echter, authentischer, erlebbarer, anfassbarer, zu machen.

(…)

Lasst uns an der Vermittlung arbeiten:

Engagement im Harz-Klub ist Heimatliebe, ist Zukunft, ist Trend, ist cool, ist schick, 

(…)

und vielleicht ist gemeinsam “harzen” auch ein wenig sexy!?

 (….) 

das ist entscheidend und nicht die Überarbeitung von Faltblättern oder der Homepage.

(…)

Der Harzklub wählte Dr. Ermrich zum Ehrenpräsidenten.