„Die Zeit des Klagens ist vorbei – Jetzt kommt es darauf an, aus dem Guten, das wir haben, das Beste zu machen“

Im Rahmen des Steinbergdialogs am 08.09. in Goslar war ich aufgefordert, zur  „Regionalentwicklung aus dem Blickwinkel eines Mittelzentrums“ Stellung zu nehmen.

Hier Auszüge aus meinem Vortrag:

 

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“

Dieser Satz trifft nicht nur auf unseren verregneten Sommer zu, sondern er beschreibt für mich auch die Lage der Harz-Region.

Zunächst besteht unser Problem (und ich nenne es ganz politisch unkorrekt auch so), dass wir uns nicht nur selbst schlechter und kleiner reden als wir sind, sondern - auch von Außen - wird das Klischee des armen, unterentwickelten Harzes geradezu kultiviert.

(…)

Und das alles führt tatsächlich dazu, dass die Stärken der Region, des Landkreises Goslars und natürlich auch des starken Mittelzentrums Goslar vollständig verdeckt werden.

(….)

Tatsache ist – und das hat überhaupt nichts mit schönreden zu tun – Der Harz, die Stadt Goslar, der Landkreis Goslar: das alles hat ganz viel Kraft; aber:

 

Diese Kraft entwickelt keiner der Landkreise unserer Region, und keine Kommune allein. Die Mittelzentren der Region (ob mit oder ohne oberzentrale Teilfunktionen) sind zu schwach, um die alleinige Kraftmaschine für die ganze Region zu sein. Aber, im MITEINANDER geht das unproblematisch:

 

Lassen Sie mich nur einige wenige Beispiele für die Kraftfelder nennen:

 

 

A. Tourismus:

(…..)

Tourismus im Reisegebiet „Harz gesamt“

- schafft rund 24.500 rechnerische Vollarbeitsplätze (Vergleich 2004: 22.400), was ungefähr 36.200 tatsächlichen Arbeitsverhältnissen entsprechen dürfte;

- trägt mit 7,72 % (Vergleich 2004: 5,2 %) zum Volkseinkommen bei;

- spült rund 45,9 Millionen Euro pro Jahr in den kommunalen Haushalt;

- ist ein wichtiger Imagefaktor;

- ist eine Wachstumsbranche deren Arbeitsplätze nicht ins Ausland verlegt werden können;

- ist zugleich ein harter und ein weicher Standortfaktor;

- wirkt positiv auf andere Branchen;

- verbessert die Lebensqualität

 

ABER:

Und das sage ich ganz deutlich heute Abend. Mich stört ganz erheblich, dass wir uns als Region zu stark ALLEIN auf den Tourismus ausrichten und darüber hinaus kein eigenes, regionales Image entwickelt haben und entwickeln. Der Harz ist viel mehr als eine „tolle“ touristische Destination.

 

B. Wirtschaft

Der Landkreis Goslar hat nach einer Statistik des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln aus dem Jahr 2010 ein BIP  von 23.461 Euro pro Kopf

Werte werden nur für LK und kreisfreie Städte erhoben, in der Stadt Goslar liegt der BIP wahrscheinlich höher.

Vergleich:

Peine 17.880 Euro

Helmstedt 17.746 Euro

Wolfenbüttel 15.687 Euro

Göttingen: 23.050    

(….)

Insofern ist der Landkreis Goslar bei der wirtschaftlichen Stärke nicht auf den letzten Plätzen zu finden.

Und erlaubt ist in diesem Zusammenhang aber auch ein Blick auf die Wirtschaftskraft der Stadt Goslar:

Mit über 16. Mio. Gewerbesteueraufkommen pro Jahr sind wir der Wirtschaftsmotor des Harzes vor Wernigerode, Nordhausen, Osterode, Halberstadt, Sangerhausen, Bad Harzburg und Quedlinburg.

Daraus leite ich keine Privilegien für die Stadt Goslar ab, aber doch wenigstens das Recht, mich als Oberbürgermeister auch zu regionalen Themen äußern zu dürfen und zu können, denn schließlich liefert die Stadt Goslar auch beim Landkreis eine Kreisumlage von 25.992.700 EUR ab und damit 40,81 Prozent der gesamten Kreisumlage

 

C. Wissenschaft:

TU Clausthal mit EFZN, Hochschule Harz in WR, Fachhochschule Nordhausen

(…..)

 

D. Weltkulturerbe:

(…..)

E. Wohnen

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Danach sehen Immobilienforscher einen neuen Trend, der in den kommenden zwei Jahrzehnten die Wohnungsmärkte in Deutschland nachhaltig verändern wird. Die Metropolen würden immer mehr ältere Menschen an kleinere Städte mit attraktivem Kulturangebot verlieren.

Die kommende Rentnergeneration sei gesund, aktiv und will ihren Ruhestand in Orten mit hohem Erlebnis- und Freizeitwert verbringen. Weitere Vorteile kleinerer Städte sind deutlich niedrigere Lebenshaltungskosten, Mieten und Immobilienpreise.

Das sei der Beginn einer massiven neuen Wanderungsbewegung, deren Auswirkungen von Investoren und Stadtplanern bislang vollkommen unterschätzt werde.

Denn auf die Senioren würden bald darauf auch jüngere Menschen folgen, weil das Angebot an Arbeitsplätzen in diesen Städten deutlich wachsen wird. Vorreiter dieses Trends ist Weimar. Hier sorgen zuziehende Senioren aus dem Bildungsbürgertum seit 20 Jahren für steigende Einwohnerzahlen und neue Arbeitsplätze.

Die deutschlandweite Entwicklung habe gerade erst begonnen, sie werde aber bald massiv an Dynamik gewinnen, weil mit den sogenannten Babyboomern in den kommenden Jahren die zahlenmäßig größte Rentnergeneration der deutschen Geschichte in den Ruhestand geht. Und wo die Rentner sind, wird Geld ausgegeben. Gewinner dieser Entwicklung könnte auch Goslar sein. Und darauf sollten wir uns vorbereiten, in dem wir adäquaten Wohnraum bereitstellen.

Randbemerkung: Neue Untersuchungen ergeben mittlerweile, dass der viel beschworene Bevölkerungsrückgang vielleicht gar nicht eintreten wird, weil derzeit die Verluste aus der Differenz von Geburten- und Sterberaten von den Gewinnen durch Zuwanderung sogar übertroffen werden. Nach Amerika ist Deutschland das beliebteste Einwanderungsland und diese Attraktivität wird sich in Zukunft eher noch steigern…

 

(……)

 

Meine Damen, meine Herren,

hier wird deutlich. Hier ist ganz viel Kraft und nicht nur „touristische Destination“ und diese Kraft muss nur auf die Straße gebracht werden.

Was müssen wir tun, um dies zu schaffen, um voran zu kommen und damit raus aus den Harzer Ober-jammer-gau-tälern?

Meine Antwort lautet:

Ärmel aufkrempeln!

Altbundespräsident Roman Herzog sagte einmal – zwar in einem anderen Zusammenhang, aber es passt hier ganz gut: „Die Zeit des Klagens ist vorbei – Jetzt kommt es darauf an, aus dem Guten, das wir haben, das Beste zu machen“

Und für uns heißt das nichts anderes, als die Herausforderungen anzunehmen. Wenn wir sie nicht annehmen, werden sie nicht verschwinden, wie eine Fata Morgana beim Näherkommen, sondern es werden andere sein, die den Wettbewerb der Regionen gewinnen, weil sie ihre Herausforderungen, mutiger und entschlossener angepackt haben.

Adolph Kolping hat ein einfaches Wort geprägt: „Wer Mut hat, macht Mut“.

Wir können alle Mut und Zuversicht haben, wir sollten alle Mut und Zuversicht zeigen und damit alle,  den Anderen auch Mut machen.

Die Überzeugung Fontanes „Am Mute hängt der Erfolg“ muss noch mehr Anhänger finden.

Wenn ich auf meinen Einleitungssatz zurückkommen darf: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“.

Dann sollten wir uns heute Abend und in den nächsten Monaten eben nicht mehr über das Wetter unterhalten, sondern uns über die richtige Kleidung Gedanken machen und die dann auch anziehen. Diese Entscheidungen sind notwendig, möglicherweise auch mit Folgeentscheidungen, die lauten können. Die Wahl war nicht die richtige, wir sind zu warum oder zu kalt angezogen, wir müssen nochmal wechseln.

Und wenn Sie von mir wissen wollen, welche Kleidung angezogen werden müsste, dann notiere ich auf der Einkaufsliste folgende Punkte und bin gespannt auf die Fortsetzungen von Ihnen:

Bei mir steht jedenfalls auf dem Einkaufszettel:

1. Überarbeitung der Verwaltungsstrukturen

Es überrascht Sie sicher nicht, wenn ich auch heute bei meiner Auffassung bleibe, dass die Verwaltungsstrukturen in Südniedersachsen zu kleinteilig ist.

(…..)

Was Goslar und Vienenburg vorgemacht haben, wird noch viele Kommunen in der Region, auch im Landkreis Goslar treffen.

Und um so schneller, wir uns freiwillig auf den Weg machen, um so hilfreicher für die Region. Denn das Geld, was wir in überflüssige Doppelstrukturen stecken, müssen wir zum Gestalten, nicht zum Verwalten nutzen. UND:

Jeder kommunalpolitisch Verantwortliche muss sich ernsthaft fragen, was Autonomie noch nutzt, wenn keine freie Spitze mehr vorhanden ist, also in der Realität eine Kommunale Selbstverwaltung überhaupt nicht mehr stattfindet.

(…..)

 

2. Keine Kooperationen über die Landesgrenzen

 

Der ehemalige Skispringer Jens Weißflog hat einmal gesagt: „Man fliegt immer nur so weit, wie man im Kopf schon ist“

Ich halte es für hemmend, für grundfalsch, dass wir nur im Bereich des Tourismus (Stichwort HTV) konstruktiv länderübergreifend arbeiten.

Die Wirtschaft ist weiter. Ich denke z. B. an die über die Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt fusionierte Volksbank, ich denke an den länderübergreifenden Arbeitgeberverband.

Dagegen verzahnen sich Verwaltungen nur unzulänglich.

Und deshalb freue ich mich, dass meine Initiative „Drei Länder, aber EIN Harz“ soviel Rückenwind erhalten hat. Weniger aus dem Landkreis Goslar selbst, aber ganz stark aus Wernigerode, aus Nordhausen, aus Sangerhausen, aus Bad Sachsa und aus Osterode.  

 

Und ich arbeite daran, dass wir einen länderübergreifenden kommunalen Zweckverband gründen, der sich ganz konkret um regionale Raumordnung, um Vernetzung von Wissenschaft und Bildung, um Themen wir Kultur und Verkehrsinfrastruktur kümmert.

 

 

3. Verzahnung mit Braunschweig verbessern

Wir sind weder Vorgarten, noch Anhängsel, noch der Freizeitpark Braunschweigs. Aber: Wir sind Partner des starken Braunschweigs und wir sollten unsere wirtschaftlichen und sozialen Bindungen verstärken. Und wir sollten uns stärker Gedanken darüber machen, wo die Stärken und Schwächen des Partners liegen. Und an welchen Stellen wir noch besser von einander profitieren können. Aber das geht ganz sicher nicht dadurch, dass wir über das nächste touristische Highlight im Harz sprechen, das die Braunschweiger auch an Wochenenden zur Freizeitgestaltung nutzen können. Das ist mir wirklich an dieser Stelle zu kurz gesprungen.

 

4. Die Verkehrsinfrastruktur ist unzulänglich

Durch die unzulängliche Verkehrsinfrastruktur können wir zum einen unsere Zentralität, ein riesen Vorteil im Wettbewerb der Regionen, nicht ausspielen und zweitens wir sind nicht optimal an die nahe gelegenen Zentren wie Göttingen, Braunschweig oder Hannover angebunden.

Wir müssen in den öffentlichen Personenverkehr und unsere Verkehrsinfrastruktur investieren, um die Mobilität der Goslarer und der Harzer zu verbessern.

Und dabei ist es mehr als kontraproduktiv, wenn unsere Region im neuaufzustellenden Bundesverkehrswegeplan nur mit kleinen Projekten wie Ortsumgehungen in Bad Lauterberg oder Clausthal-Zellerfeld vertreten ist. Die großen Ausbauvorhaben – der vierspurige Ausbau der B6 zwischen Goslar und Salzgitter-Hohenrode und zwischen Goslar und der Anschlussstelle Rhüden – dagegen wurden ersatzlos von der Landesprioritätenliste gestrichen, weil der prognostizierte Verkehr dies nicht erfordern würde.

Dagegen wirbt Minister Lies ganz aktuell bei der Bundesregierung für eine Priorisierung des ländlichen Raumes, eine gute verkehrliche Anbindung an Ballungszentren für Berufspendler und Wirtschaftsverkehr, um die benachteiligten Regionen nicht weiter von der verkehrlichen und wirtschaftlichen Entwicklung abzukoppeln.

Heißt das, wir sind schon super verkehrlich angebunden oder sind wir am Ende gar keine benachteiligte Region?

Für Goslar und den Harz ist die Streichung auf jeden Fall das falsche politische Signal.

 

5. TU Clausthal braucht starken kommunalen Unterbau

Ich habe vom Flaggschiff, vom Leuchtturm, vom Kraftzentrum TU Clausthal bereits gesprochen. Ich halte es für die Weiterentwicklung der TU für zwingend, dass der kommunale Unterbau, also die kommunale Infrastruktur, verbessert wird. Ich bin mir nicht sicher ob die Entwicklung der Samtgemeinde zur Einheitsgemeinde Clausthal-Zellerfeld hier hinreichend ist. Für die Stadt Goslar darf ich sagen, dass wir alles was in unseren Möglichkeiten und unserer Kompetenz liegt machen werden, um die TU zu stärken. Das gilt in Goslar z. B. für das EFZN als wichtiges Institut der TU.

(….)

 

6. Weltkulturerbe stärken beleuchten

Mit über 200 Quadratkilometern haben wir eine der flächenmäßig größten Weltkulturerbestätten in Deutschland. Mit der Altstadt von Goslar gehören wir zu einem von nur 8 Weltkulturerbestädten („dt“) in Deutschland. Diese Einzigartigkeit verdient mehr Konzentration von uns, aber auch von Seiten des Landes. Wir arbeiten an der Installation der dezentralen Welterbezentren und ich hoffe sehr, dass wir den Anfang im Goslarer Rathaus machen können.

Was noch völlig unterentwickelt ist, ist die Vernetzung unseres Weltkulturerbes mit Hildesheim und den Fagus-Werken in Alfeld, in unmittelbarer Nähe.

Auch hier muss das Land in die Bütt. Ich habe mich bereits vor einigen Wochen mit meinem OB Kollegen Meyer und meinem Amtskollegen Beushausen aus Alfeld getroffen, um auch hier initiativ zu werden. Unser nächstes Treffen, an dem auch der Welterbeexperte OB a. D. Schaidinger aus Regensburg teilnimmt, ist für terminiert für den 29. September.

Und wer hat daran gedacht, dass wir mit Quedlinburg und Corvey noch zwei Weltkulturerbestätten in unmittelbarer Nähe haben. Aber, naja, die Landesgrenze…….

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7. Kultur in der Region und der Region stärken

Auch wenn nicht mehr alle Kommunen, finanzielle Kraft für Kultur haben oder besser formuliert, den Wert nicht erkennen, bieten wir eine Menge auf: Was mir fehlt: Die regionale Ausstrahlung unserer Highlights, wie z. B. des Kaiserrings oder unserer Museen. Und wo über die Stadtmauer gestrahlt wird, vernetzt man sich nur unzureichend und hilft sich zu wenig.

Beispiel z. B. das Internationale Musikfest und Harz-Classics. Odeon?

 

(….)

8. Goslar stärken

Ich habe bereits davon gesprochen, dass Goslar als Mittelzentrum nicht der alleinige Motor für die Region sein kann, aber: Goslar ist ein wichtiges Zentrum der Region, erfüllt vielfältige Funktionen eines Oberzentrums. Und deshalb wünsche ich mir für die Zukunft ein Ende der kleinkarierten Neiddebatten. Goslar braucht die Region, aber die Region braucht auch Goslar.

 

Mein 9. und letzter Punkt:

Wir brauchen Optimismus.

Wir brauchen auch keine Ruck-Reden, denn es gibt bereits einen Ruck. Wir fühlen ihn nur nicht, weil uns das Krisengerede dafür unsensibel gemacht hat.

Die „Der Harz ist Schlusslicht“ Attitüde macht kein einziges  Problem kleiner.

Schluss mit dem theatralischen Dauerlamento.

Schluss mit dem Harz als neues Ober-jammer-gau.

Schluss mit dem ausschließlichen Gerede über sinkende Einwohnerzahlen und Überalterung.

Schluss mit dem Klein-Karo Denken

Schluss mit Pessimisten, Nörglern und Endzeitpropheten

 

Seit der Ära von Helmut Schmidt wissen wir ja, dass die, die Visionen haben, nicht befördert oder gefördert, sondern zum Arzt geschickt werden.

Diese Haltung hilft nicht. Lasst uns die Region weiter positiv, mutig verändern. Lasst uns die Region an vielen Stellen neu und breiter denken. Und lasst es uns Miteinander machen.

In Goslar wissen wir: Miteinander – können wir alles schaffen!