„Chancen der demographischen Entwicklung"

„Chancen der demographischen Entwicklung - Generationen im Dialog“ – so war der Festvortrag von Dr. Henning Scherf auf Einladung des Arbeitgeberverbandes Harz in der Kaiserpfalz überschrieben.

Dazu mein Grußwort (in Auszügen), weil ich das Thema Demographie als eines der wichtigsten Themen für die Stadt Goslar betrachte:

 

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Meine Damen und Herren, auch in Goslar spüren wir den demographischen Wandel.

Wenn wir uns einmal die Bevölkerungsentwicklung in den letzten zehn Jahren anschauen, dann ist festzustellen, dass Goslar in dieser Zeit 3.279 Einwohner verloren hat (2001: 44.123, 2011 (Zensus): 40.844) und Vienenburg 776 (2001: 11.523, 2011: 10.747). Das sind immerhin 7,4 bzw. 6,7 Prozent der Bevölkerung.

Im Oberharz sieht es noch schlimmer aus. Die Samtgemeinde Oberharz verlor satte 3.610 Einwohner (2001: 19.091, 2011: 15.481) – das sind unglaubliche 18,9 Prozent weniger.

Um diesen demografischen Trend zu bekämpfen, gibt es zwei Varianten:

Erstens: Ich schaffe neue Arbeitsplätze.

Das klingt einfach, ist aber tatsächlich schwierig, denn wo sollen diese neuen Arbeitsplätze denn herkommen?

Ich kann nicht mal eben die Ems verlegen und hier eine zweite Meyer-Werft bauen.

Ich kann auch nicht die Nordsee ausdehnen und einen neuen Jade-Weser-Port an der Stadtgrenze ansiedeln.

Genauso wenig kann ich den Bollrich abholzen und einen schönen Flughafen errichten.

Oder die Gewerbesteuer so stark senken, dass Siemens mit einer neuen Produktionsstätte anrückt.

Natürlich – verstehen Sie mich bitte nicht falsch - bin ich dennoch bemüht und engagiert, neue Arbeitsplätze für Goslar und die Region zu gewinnen, aber faktisch ist es nicht zu schaffen, allein aufgrund einer politischen Entscheidung 500 bis 1.000 Arbeitsplätze anzusiedeln.

Wie schnell das Gegenteil eintreffen kann, haben wir im Übrigen in den letzten Wochen in unserer Region schmerzlich erfahren müssen.

Die zweite Variante scheint mir deshalb wesentlich erfolgversprechender - nämlich die Stadt Goslar als attraktiven Wohnstandort zu präsentieren und damit möglichst viele Neubürger zu gewinnen.

Aber was heißt eigentlich attraktives Wohnen?

Lebensqualität, Freizeitvergnügen und einen hohen Wohnwert – das sollte eine Stadt bieten.

Allerdings sind die Bedürfnisse und Ansprüche der Menschen sehr unterschiedlich.

Am Anfang steht der Single-Haushalt, dann kommen die jungen (noch) kinderlosen Paare, irgendwann die Familien, die Senioren und schließlich die Pflegebedürftigen, die nicht mehr allein wohnen können. Für all diese Lebensphasen gilt es, den passenden Wohnraum vorzuhalten.

Und hier ist Goslar auf einem guten Weg. Auf unserem

ehemaligen Fliegerhorstgeländes wird im östlichen Bereich der noch verfügbaren 60 Hektar ein „besonderes Wohnquartier“ entstehen. Dieses „Wohnen im Grünen“ wird sicherlich bei Familien mit Kindern besonders beliebt sein.

Singles und junge Paare finden in unserer Altstadt zentral gelegenen Wohnraum im Mittelpunkt des städtischen Lebens.

Mit einer gezielten Quartiersentwicklung unserer Altstadt wollen wir aber auch verstärkt auf die Bedürfnisse der Senioren reagieren und hier altersgerechtes Wohnen ermöglichen. Denn der beschriebene Einwohnerverlust

ist gepaart mit einem immer größeren Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung.

Einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung zufolge werden in Goslar die über 65jährigen im Jahr 2030 einen Anteil von 35,8 % haben. Bereits heute hat etwa jeder dritte Einwohner unserer Stadt das 60. Lebensjahr erreicht oder überschritten.

Meine Damen und Herren, ich habe in der jüngsten „Welt am Sonntag“ einen interessanten Artikel zu diesem Thema gefunden. Er lautet „Auszug der Senioren“ und zeigt, dass Kleinstädte wie Goslar vom demografischen Wandel durchaus profitieren könnten.

Danach sehen Immobilienforscher einen neuen Trend, der in den kommenden zwei Jahrzehnten die Wohnungsmärkte in Deutschland nachhaltig verändern wird. Die Metropolen würden immer mehr ältere Menschen an kleinere Städte mit attraktivem Kulturangebot verlieren. Die kommende Rentnergeneration sei gesund, aktiv und will ihren Ruhestand in Orten mit hohem Erlebnis- und Freizeitwert verbringen. Weitere Vorteile kleinerer Städte sind deutlich niedrigere Lebenshaltungskosten, Mieten und Immobilienpreise. Das sei der Beginn einer massiven neuen Wanderungsbewegung, deren Auswirkungen von Investoren und Stadtplanern bislang vollkommen unterschätzt werde.

Denn auf die Senioren würden bald darauf auch jüngere Menschen folgen, weil das Angebot an Arbeitsplätzen in diesen Städten deutlich wachsen wird.

Vorreiter dieses Trends ist Weimar. Hier sorgen zuziehende Senioren aus dem Bildungsbürgertum seit 20 Jahren für steigende Einwohnerzahlen und neue Arbeitsplätze.

 

Die deutschlandweite Entwicklung habe gerade erst begonnen, sie werde aber bald massiv an Dynamik gewinnen, weil mit den sogenannten Babyboomern in den kommenden Jahren die zahlenmäßig größte Rentnergeneration der deutschen Geschichte in den Ruhestand geht.

Und wo die Rentner sind, wird Geld ausgegeben.

Gewinner dieser Entwicklung könnte auch Goslar sein.

Und darauf sollten wir uns vorbereiten, in dem wir adäquaten Wohnraum bereitstellen.

Zum Beispiel mit der Modernisierung vorhandener Wohnungen speziell in der Goslarer Altstadt, die für altersgerechtes und barrierefreies Wohnen geeignet sind.

Parallel stelle ich mir vor, dass der bislang schon bekannte Bereich des betreuten Wohnens oder des generationsübergreifenden Wohnens viel stärker ausgebaut wird durch neue Wohnformen - und hier könnte Goslar z. B. im Rahmen eines Pilotprojekts Vorreiter sein.

Und ich denke, zu diesem Thema könnte unser heutiger Festredner Herr Dr. Scherf ein wertvoller Berater sein, lebt er doch – wie es so schön heißt – seit über 25 Jahren in Deutschlands wohl berühmtester Wohngemeinschaft.

Deshalb freue ich mich jetzt auf seinen Vortrag, der uns sicherlich spannende Erkenntnisse mitgeben wird.

Vielen Dank und Glückauf!

Oliver Junk