Herzenssache Goslar: Open-Air vor der Kaiserpfalz

Mit Roland Kaiser wird die Tradition der Konzerte vor der Kaiserpfalz im nächsten Jahr fortgesetzt. Endlich, höre ich in Goslar an jeder Stelle. Denn der vermeintliche Schlussakkord wurde im Jahr 2007 gesetzt.

Und danach? Leider ist es in den vergangenen 10 Jahren allein beim Versuch geblieben, ein Konzert vor der Pfalz zu organisieren. Viele Anstrengungen haben wir unternommen, auch ich. Funktioniert hat nichts. 

 Und insbesondere deshalb freue ich mich so auf Roland Kaiser in der Kaiserstadt. Endlich wieder ein Konzert vor dieser großartigen Pfalz Kulisse - und vielleicht schon an der Baustelle Pfalzquartier? Sind die ersten Waschbetonbauten bereits abgerissen?

 Über 5.000 Tickets sind bereits heute für das Konzert im Juni des nächsten Jahres verkauft. Wir können also ziemlich sicher sein, dass über 10.000 Menschen den Weg vor die Pfalz finden werden.

Und weil wir jetzt schon alle ganz begeistert sind, lohnt es sich doch einmal, auf die Anfänge der Pfalzkonzerte zurückzublicken. 

Geboren wurde die Idee nämlich in der Quetsche, gleich neben dem historischen Rathaus. Eine Szenekneipe damals, heute der „Bierbrunnen“. 

 In dieser Kneipe kamen damals regelmäßig am Feierabend trinkfreudige Kulturinteressierte zusammen: Redakteure und Fotographen der Goslarschen Zeitung – namentlich Achim Balkhoff und Uwe Epping, Menschen wie Renate und Walfried Lucksch, Achim Schreier und Carlo Leutloff wurden mir genannt. Dieter Böhl. Ich kann nicht alle aufzählen, kenne viele Menschen des Freundeskreises von damals nicht.

 Ich habe mich aber dieser Tage mit Renate und Walfried Luckschsowie Uwe Eppinggetroffen, damit sie mir die Geschichte vom Start der Pfalzkonzerte genauer erzählen.

 

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Und Uwe Epping hat Bilder mitgebracht zum Gespräch in der Bergdorfstraße:

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Und er berichtet, dass der Start der Pfalzkonzerte im Grunde das Format „Musik am Nagelkopf“ war, mit dem Kopf und Motivator Achim Balkhoff. Ab 1983 in Vereinsstruktur „Musikforum ´83“ (1. Vorsitzender Achim Balkhoff, 2. Vorsitzender Uwe Epping und 3. Vorstand und Technischer Leiter Walfried Lucksch) organisierten die Musikinteressierten regelmäßige Musikevents am Nagelkopf.

 

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Fotos: Epping

Sie waren es auch, die am 04.12.1982 Depeche Modeins Odeon-Theater geholt haben, vor „nur“ 400 interessierten Musikfreunden haben die heutigen Superstars aufgespielt. Uwe Epping hat mir erzählt, dass es einen Mitschnitt von diesem Konzert gibt, den man auf der Youtube Plattform finden soll……

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 Fotos aus dem Odeon: Epping


Weg vom Odeon, hin zur Kaiserpfalz: 1983 wagte das Musikforum ´83 dann das erste Open Air Konzert vor der Pfalz. Die Goslarer Band „Scalloway“ und Alex Orientel Experience spielten auf.

Gerüst und Aufbau hatten Handwerksbetriebe aus der Stadt organisiert, die Gastronomen haben Bier verkauft und aus diesen Erlösen die geringen Gagen bezahlt. Fast 5.000 Menschen konnten so aktiviert werden. Ein riesiger Erfolg.

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Renate und Walfried Lucksch, Uwe Epping und all´die anderen engagierten Menschen hatten Erfolg, waren euphorisch und total positiv aufgeladen.

 

„Im nächsten Jahr ziehen wir noch was Größeres auf!“ war die Idee. 

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„Tina Turner oder Joe Cocker!“sollten es werden, berichtete mir Renate Lucksch.

Der Verein hatte sich dann für Joe Cocker entschieden, in Hamburg wurde der Vertrag mit dem Cocker-Management geschlossen. Die Werbung war in Goslar angelaufen, die Bühne eingekauft.

 

Und dann spielte das Management von Cocker Foul, verschob den Auftritt um einen Tag nach hinten, sodass das ganze Open Air auf zwei Tage ausgedehnt werden musste. 

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 Joe Cocker war nach seinen Alben „Sheffield steel“ und „Civilized man“ in einer guten Phase, konnte sich diese Verschiebung, diesen Vertragsbruch, „leisten“.

 Zwei Tage Sicherheit, Bühne, Toiletten, Absperrung etc. etc.    – Die Kosten explodierten und das Open Air wurden ein finanzielles Desaster. Über 50.000 DM an Verlust waren aufgelaufen.

 Jedes Vorstandsmitglied des Musikforums wurde mit 500,00 EUR in Haft genommen. Aber die Stadt Goslar und die Sparkasse sind damals mit größeren Ausgleichsbeträgen eingestiegen und konnten den Verein und die Vorstandsmitglieder retten.

 

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Aber trotz der finanziellen Katastrophe. Die Erlebnisse mit Joe Cocker möchten heute weder Uwe Epping noch Renate und Walfried Lucksch missen: Die aus dem Auto kullernden Bierflaschen bei Ankunft. Die Begrüßung des Publikums mit „Hello Hannover“, die  im geliehenen Wohnwagen „versteckten“ – weil verschmähten - Burger durch die Band. Und natürlich auch nicht die Joe Cocker Kosten. Neben einem tüchtigen Koffer Bargeld mit 50.000 DM auch eine Badewanne voll mit Budweiser Bier für den Auftritt.  „Wir haben nachts an der Kaiserpfalz geschlafen, damit niemand etwas klaut!“ sagt Epping und ergänzt: „Wer kann schon von sich sagen, einen Weltstar nach Goslar geholt zu haben?“

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Das Format des Open Airs auf der Pfalzwiese war geboren, das Format erfunden. 


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Aber meine Gesprächspartner erzählen mir auch ganz offen, dass es dann unterschiedliche Interessenten im Verein gab. Ein Teil wollte mehr in die kommerzielle Richtung weiteragieren, eine andere Seite (namentlich Ehepaar Lucksch und Uwe Epping) wollten die Konzerte unter dem Vereinsdach weiterführen und gerade ohne Gewinnerzielungsabsicht weiteragieren.

 

Uwe Vater übernahm dann eine Schlüsselrolle. Er wurde neuer 1. Vorsitzender des Vereins und organisierte das nächste Open Air vor der Pfalz: Opus mit „Live ist life“ stand 1985 auf dem Programm. „Und das Wetter war schon wieder schlecht; Regen machen konnten wir immer.“ sagt Luksch.

 

Und dann war Schluss. Die Ehrenamtlichen hatten nach Cocker noch einmal bewiesen, dass sie es können. Und doch: Mit dem Weggang von Uwe Vater nach Kassel verlor der Verein den Motor und 1. Vorsitzenden. 

 

Und Walfried Lucksch sagt aber auch: Die Anforderungen der Veranstalter und Behörden wurden in diesen Zeiten immer höher. Ganze Kataloge von Anforderungen, die die Ehrenamtlichen umzusetzen hatten. Man denke z. B. an Sicherheit und Bühnenbau.


 

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„Da haben wir uns lieber ab 1989 auf die Kleinkunst konzentriert!“ ergänzt Renate Lucksch. Und Uwe Epping? „Nur noch vor der Bühne mit der Kamera,“ schmunzelt er, verweist aber auch auf viele Touren zu Konzerten, die er mit seiner kleinen und feinen Reiseagentur oder der GZ organisiert hat.

 

Die Geschichte der Pfalzkonzerte war aber mit dem Aus des Musikforums ´83 nicht zu Ende (auch der Verein wurde dann aufgelöst). Sigmar Gabriel & Burkhard Siebert sowie Wolfgang Besemer von Hannover Concerts waren Macher in den Folgejahren. Auch der NDR organsierte vor der Kaiserpfalzeine Reihe von Freiluftfestivals.

 

Der von mir nicht jederzeit hochgeschätzte GZ-Redakteur Breuer beschrieb die Situation zutreffend wie folgt: „Die Privatinitiativen der achtziger Jahre verschaffte den Open Airs vor Ort in Goslar den Durchbruch, in den Neunzigern übernahmen dann mit dem Veranstalter „Hannover Concerts“ und diversen Radiosendern die Profis das Ruder.

 

Rio Reiser war als „König von Deutschland“ vor Ort. Wolfgang Niedecken mit BAP, der vor drei Jahren den Paul-Lincke-Ring in Hahnenklee erhalten hat. Fury in the slaughterhouse, Heinz-Rudolf Kunze, Matthias Reim, Suzie Quatro, Scorpions, PUR, Peter Maffay, Simply Red, Rosenstolz …..

 

2007 war Schluss. Warum? Nun, der Standort vor der Pfalz ist schwierig. Wunderschön, aber sensibel. Parkplätze, Anwohner, Absperrmöglichkeiten, Denkmalschutz…….

 

Auch eine ehrenamtliche Gruppe – die Anforderungen und Probleme  habe ich beschrieben – fand sich für die Organisation von Open-Air Konzerten vor der Pfalz in den vergangenen Jahren nicht mehr.

 

„Umso höher ist das Engagement von Miners-Rock einzuschätzen!“ sagt Renate Lucksch. Hier hat sich eine Gruppe von jungen Menschen zusammengefunden, die nicht kommerziell unterwegs sind, sondern mit Leidenschaft und Herzblut Konzerte veranstalten. „Dieser Mut und dieses Engagement ist nicht hoch genug einzuschätzen!“ so Lucksch und bringt es so auf den Punkt: „Für die Kumpels steht eben nicht das Geld im Vordergrund“. 

 

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Jetzt starten wir also wieder durch. Im Juni 2019 kommt Roland Kaiser. Und das wird ganz sicher ein starker Auftritt werden. Einen Tag später erhält er in Hahnenklee den Paul-Lincke-Ring……

 

Freuen wir auf das Konzert. Herzenssache Goslar: Open-Air vor der Kaiserpfalz.


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PS: Vielen Dank an Uwe Epping für den Kaffee und die Fotos und dazu auch Renate und Walfried Lucksch für die Zeit und das Gespräch.


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