Das Goslarer Theater

Am Montag ist Hochzeitstag. Und bei den vier Wuselkindern, der alten Dame Momo, gerade auch am Abend vielen Terminverpflichtungen als Oberbürgermeister, freue ich mich wirklich auf einen gemeinsamen Abend mit meiner Frau. Und ich hoffe, dass wir die Zeit finden, am Montag ins Kino zu gehen.

Den Robert Redford als Gentleman-Gauner würde ich gerne sehen:

http://www.spiegel.de/einestages/robert-redford-schauspieler-regisseur-entdecker-amerikas-a-1259693.html

Läuft jedenfalls am Montagabend im Goslarer Theater. Kennen Sie das?

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Klein, aber fein: Goslar hat eben - noch - ein echtes Altstadtkino, das Goslarer Theater in der Breiten Straße. 

Ich war vor einigen Tagen zu Besuch bei Jill und Florian Wildmann, denen das Altstadtkino genau wie mir eine Herzensangelegenheit ist. 

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Seien wir doch mal ehrlich, des Geldes wegen betreibt das Ehepaar Wildmann das kleine Kino in der Breiten Straße gewiss nicht. Da wirft das große Cineplex in der Baßgeige mehr ab. Wobei schon da in Zeiten von Netflix und anderen Streamingdiensten gut gewirtschaftet werden muss, vermute ich jedenfalls.

Nein, Jill und Florian Wildmann halten an der Tradition fest – hauptsächlich Jill, wie beide erzählen. Florian, der Betriebswirtschaftler wollte es schon des Öfteren lieber abstoßen…. 

Aber das Goslarer Theater blickt nun in 4. Generation auf eine lange Zeit des Bestehens, der Entwicklung, aber auch der Unwägbarkeiten zurück. „Kino ist nicht einfach, man stellt es sich immer einfach vor“, sagt Florian. 

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Geschichte des Kinos in Goslar

„Kino hat einen großen Wandel durchgemacht.“ Jills Urgroßeltern, Alois Bela und Elisabeth, hatten 1910 das erste Lichtspielhaus in der Familiengeschichte mit Leben gefüllt – damals noch am Fleischscharren. Sie waren Schausteller, arbeiteten im Zirkus. Und sie waren Juden, was für die Familie zur Zeit des Nationalsozialismus zum Problem wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaperten die Amerikaner das Kino. Erst Ende der 40er Jahre hatte die Familie Wildmann wieder die Oberhand. 

In den 80er Jahren wechselte der Standort in den Neubau in der Breiten Straße. Die Zahl der Kinosäle stieg. Zeitgleich bekam das Kino mit der guten alten VHS, der Videokassette Konkurrenz. 

Mit 15 hatte Jill angefangen, im Kino zu arbeiten. Zunächst an der Theke. 

1995 verstarb ihr Vater. Jills Mutter Roswitha übernahm daraufhin die Geschäfte. Ein, zwei Jahre später habe man sich ernsthaft Gedanken gemacht, wie es mit dem Kino weitergeht, berichtet Jill heute. Ihre Mutter bestand auf „eine vernünftige Ausbildung“ und so lernte Jill zwei Jahre lang Bürokauffrau. Dann war klar: „Wir müssen ein neues Kino bauen. Entweder wir oder die Konkurrenz macht‘s.“ Es folgte ein Jahr in Lübeck. 

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Die Ausbildung zur Filmtheaterkauffrau bzw. zum -kaufmann machten Jill und Florian bereits gemeinsam. Sie kennen sich ja auch schon, seit sie 15 sind. 1998 kamen sie heim. „Da ging der Kampf schon los.“ Die Konkurrenz war sehr interessiert, es musste schnell ein Grundstück her. 

Also kaufte die Familie - nach viel hin und her - im Gewerbegebiet von Bad Harzburg ein Grundstück. 

Doch die Stadt Goslar schlief nicht, reagierte sofort. „Wir haben die Möglichkeit bekommen, das Gewerbegebiet Baßgeige zu eröffnen.“ erzählt Jill. Zwei Wochen später wurde es vom Industrie- zum Gewerbegebiet umgeschrieben. Neun Monate später stand das moderne größere Cineplex in der Baßgeige. Eine richtig gute Entscheidung, nicht nur von Wildmanns, sondern auch von den Verantwortlichen bei der Stadt Goslar.

Kein Wunder: Mit dem Bau wurden vor allem Firmen aus der Region beauftragt. Man habe Glück, dass Goslar als so kleine Stadt in den Cineplex-Standard durfte, sagt Jill. Das Ehepaar investiert folgerichtig stetig in die neueste Technik. 

Das Goslarer Theater hingegen ist das familiäre Stammhaus. Da hängt Familie dran, wie Jill erklärt. Geld bringt es nicht. Im Gegenteil. Das Cineplex trägt es noch mit. „Betriebswirtschaftlich ist das totaler Quatsch“, findet der Betriebswirtschaftler. Seine Frau hält dagegen: „Es ist eines der wenigen Altstadtkinos, die es überhaupt noch gibt. Es ist nicht nur Leidenschaft und Familie, es ist für die Stadt wertvoll.“ 

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Die Kosten für den Filmverleih sind immens. Mit der Zeit reduziert sich das, deshalb sind im Goslarer Theater nicht gleich die allerneuesten Streifen zu sehen. „Wir versuchen hier, den besonderen Film in regelmäßigen Abständen zu spielen. Das macht dieses Haus teuer.“ 

Früher gab es zum Beispiel einmal im Jahr die Rocky Horror Picture Show. Jetzt gibt es die Feuerzangenbowle am Nikolaustag. 

Auch dazu gibt es eine “Herzenssache” von mir:

http://oliver-junk.de/post/168352650506/herzenssache-goslar-die-feuerzangenbowle-im

Da freu ich mich jetzt schon wieder das ganze Jahr drauf! 

Und wenn Jill und Florian ihre Wünsche umsetzen können, wird es auch wieder eine lange Filmnacht geben. Die würden sie gern wieder einführen.

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Ich bin da ganz Jill Wildmanns Meinung: Es gehört ein Innenstadtkino in eine 50.000-Einwohner-Stadt. Ich gehe hier auch viel lieber hin. Es ist gemütlich, ich kann zu Fuß hingehen und das Auto stehen lassen, es hat ein ganz besonderes Flair. 

Aber damit sich dieses Kino auch in Zukunft nur ansatzweise trägt, braucht es Besucher. Uns braucht es. Schauen wir uns doch öfter mal wieder einen schönen Film an – im Altstadtkino.

Ich freue mich auf Montag! Das Kino. Den Hochzeitstag.

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